“Tageszeitungen machen keinen Sinn mehr”, schreibt Fernsehjournalist Richard Gutjahr (Bayerischer Rundfunk) in seinem Blog und twittert dazu heute früh noch eine kleine Lästerei: “Sarrazin verlässt Bundesbank. Koran-Verbrennung abgesagt. Übermorgen auch in Ihrer gedruckten Zeitung.” Als Zeitungsreporter habe er immer mal wieder über ein Ereignis schreiben müssen, dass noch gar nicht stattfand, um den Andruck nicht zu verpassen. Manche interessante Geschichte sei nie ins Blatt gekommen, weil es Sonn- und Feiertags nicht erscheine.  Und als Abonnent der Süddeutschen Zeitung habe er immer häufiger festgestellt, dass ungelesene Exemplare ungelesen blieben und nur für die Altpapiertonne bezahlt wurden.

Dass Gutjahr da kein Einzelfall ist, bestätigen bekanntermaßen die sinkenden Auflagenzahlen fast aller Zeitungen. (Allerdings vergisst, wer über den Verfall der Zeitungsleserschaft spricht, gern, dass die Einschaltquoten der Tagessschau seit einigen Jahren auch nur eine Richtung kennen, nämlich nach unten.)

Das heißt aber noch lange nicht, dass Zeitungen sinnlos wären (das würde ich eher für die Tagesschau so sehen). Wäre das so, würden die Morgenredaktionen in Radio und TV sie nicht als primäre Quellen für ihre Sendungen verwursten. Wären die Morgenredaktionen der elektronischen Medien so seriös, wie sie sich nach außen gern geben, würden sie zwischen 5 und 10 Uhr dutzendfach die Titel von Zeitungen als Quelle nennen. Wir wissen natürlich alle, dass sie das nur gelegentlich tun, weil Funkredakteure gerne meinen, sie würden damit nur Werbung für die Zeitungen machen, aber wir wissen eben auch, dass die Zeitungen trotzdem für sie  unverzichtbar sind.

Dabei hat Gutjahr natürlich Recht damit, dass gedruckte Zeitungen nicht die schnellsten aller  Medien sind. Aber was heißt das schon? Spiegel Online hat am frühen Morgen in der Regel auch keinen anderen Aufmacher als am Abend davor. Das ändert sich erst gegen 8 oder 9 Uhr, wenn die Redakteure die US-Medien im Internet durchforstet haben – übrigens vorwiegend die Portale der dortigen gedruckten Tageszeitungen. Auch die Agentur-Kollegen arbeiten so. Die meisten Themen, die über dpa oder AFP in die Morgenredaktionen tickern, haben deren Redakteure ebenfalls den Print-Webauftritten entnommen (man könnte auch sagen: geklaut).

Dass Zeitungen in größerem Umfang als andere Mediengattungen mit eigenen Reportern eigene Nachrichtenthemen an Land ziehen, die nicht der offiziösen Termin-Agenda folgen, hat vordergründig natürlich nichts mit der Darreichungsform auf Papier zu tun, auch da hat Gutjahr Recht. Diese Möglichkeit hätten auch andere, allen voran die öffentlich-rechtlichen Sender, deren Personalstärke ja beträchtlich ist, nur eben eher auf den Verwaltungsfluren und weniger in den Newsrooms. Und so sind es de facto eben doch die Zeitungen, die hierzulande wie auch im Rest der Welt die Geschichten aufreißen, von denen die anderen leben, zumal dann, wenn es sich um lokale Themen handelt, erst Recht, wenn es Themen sind, zu denen eine echte Handlung, ein echtes Ereignis und eine echte Geschichte gehören und nicht nur irgendeine Politiker-Wortspende. Und das – dazu gleich mehr – liegt eben sehr wohl in den Genen der Zeitung.

Entscheidend ist aber etwas anderes, und das hat erst Recht mit der Papierform der Zeitung zu tun. Das Prozedere der Zeitungsproduktion erzwingt einen Rhythmus täglicher Rituale, beim Leser wie beim Macher. Schon in der Morgenkonferenz wird geplant, was 24 Stunden später voraussichtlich zu lesen sein wird (und erstaunlicherweise immer noch taugt, um am nächsten Tag von den Morgensendungen aufgegriffen zu werden). Die Themen aufzuzählen, die da in Frage kommen, ist der banalere Teil der Planung. Der wichtigere ist reflexiv. Wie lässt sich ein eigenständiger Aufhänger finden? Was muss noch heranrecherchiert werden, um einen solchen zustande zu bringen? Zeitungen, die nur Agenturtexte ins Blatt plumpsen lassen, sind langweilig und ohne Seele. Die, da hat Gutjahr Recht, braucht niemand, und die werden auch verschwinden, was gut so ist, weil dann nur die übrig bleiben, die dank eigenen Profils zu leben verdienen. Die werden dann auch nicht ungelesen in der Altpapiertonne landen, weil sie dem, der sie kauft, etwas bieten, was er sich wünscht und braucht.

Damit das nicht so theoretisch klingt, erwähne ich als angenehmes Beispiel die FAZ  (deren Auflage über die Sieben-Tage-Woche, Sonntagszeitung eingeschlossen, übrigens gegen den Trend wächst). Da fand sich vor einigen Tagen im Feuilleton eine ausführliche Analyse der Thesen von Thilo Sarrazin. Zwei Soziologen sind tatsächlich Schritt für Schritt seinem Text hinterhergestiegen, haben die einschlägige wissenschaftliche Quellenlage herangezogen und bescheinigen dem nunmehr ehemaligen Bundesbanker, im Großen und Ganzen richtig zu liegen.

Das andere Beispiel ist nicht minder heikel, so heikel sogar, dass kein einziges anderes Medium die Traute hatte, die Geschichte nachzudrehen, weil sie nämlich dazu taugt, mal wieder grundsätzliche Zweifel an der Entwicklungshilfe und dem dafür verantwortlichen Minister Dirk Niebel anzubringen. Da geht es um einen Bericht des FAZ-Korrespondenten in Afrika, der mitbekam, dass korrupte Richter im Kongo die Konten der deutschen Entwicklungshilfezentrale GTZ pfändeten und ihr Verwaltungsgebäude enteigneten.

Das Beispiel des reisenden Afrika-Reporters zeigt übrigens auch ganz schön, dass sich nicht jede Software (soll hier stehen für die Produktion der Inhalte) zu jeder Hardware (soll hier stehen für die Plattform) passt. Gewissermaßen die genetische Disposition. Von Afrika-Korrespondeten der ARD hört man, wenn man denn überhaupt etwas von ihnen hört, eher so finstere Dinge, dass sie einheimische “Stringer” für kleines Geld beschäftigen und im Regen stehen lassen, wenn es ernst wird. Das hat vordergründig sicher nichts mit dem Medium und der Plattform zu tun. Aber wer sowohl Zeitungsredaktionen als auch öffentlich-rechtliche Sender von innen kennt, der sollte wissen, das das Offensichtliche hier nicht das Zutreffende ist.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.