Dieser Modebegriff „postfaktisch“ macht ja gerade groß Karriere. Leute mit eher kurzer Erinnerung haben dem Begriff „Postfaktische Politik“ sogar einen Wikipedia-Eintrag spendiert. Als Ausgangspunkt dieses Wortes nennen die Autoren das Erscheinen eines Buches mit dem Titel The Post-Truth Era. Popularisiert worden sei es während der Brexit-Auseinandersetzungen. Unter dem Gliederungspunkt „Fallbeispiele“ finden sich deren zwei. Eines ist natürlich der US-Präsidentschaftswahlkampf, der mit Donald Trumps Wahl endete. Das andere ist ein Satz eines Berliner AfD-Politikers, der zum Umstand, 98 Prozent der Zuwanderer seien gesetzestreu, so zitiert wird: „Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also: das, was man fühlt, ist auch Realität.“

Ich bringe mal ein anderes Fallbeispiel, das zu diesem Zitat hervorragend passt. Es lautet „Umweltzone“. Es gibt sie in allen großen deutschen Städten. Sie sollen Feinstaub und Stickoxid reduzieren, denen schlimme, ja todbringende Folgen zugeraunt werden. Unbeirrbar schaffen Politiker aller Ebenen immer mehr dieser Umweltzonen, und nach der grünen soll demnächst auch eine blaue Plakette kommen. Wie faktisch oder postfaktisch das ist will ich selber nicht beurteilen. Aber ich weiß, was ein Forscher ist und ich habe schon vom Fraunhofer-Institut gehört, einer respaktablen Forschungseinrichtung. Und ich verstehe einen einfachen Satz, der lautet:

„Die Umweltzone ist komplett unnütz“.

Und ich verstehe, was dieser Satz bedeutet, wenn ein Fraunhofer-Forscher ihn ausspricht. Unter diesen Umständen bin ich geneigt, ihm faktische Bedeutung zukommen zu lassen.

Die Umweltzone wäre nach derzeitiger Wortmode also ein postfaktisches Phänomen. Nicht einmal das Bundesumweltamt, das im Chor der Umweltzonen-Prediger eine zentrale Rolle spielt, nennt auf seiner Umweltzonen-Webseite konkrete Wirkungen ihres Konzepts. Nur einmal, unter Punkt 13, findet sich die falsche (ergo: postfaktische?) Behauptung, bezogen auf die „Partikelemission“ habe sich die Luftqualität in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Diese Behauptung bleibt pauschal und muss von der Leitung des Umweltbundesamtes andernorts wohl auch mal anders geäußert worden sein. Jedenfalls schrieb Spiegel Online vor einiger Zeit unter Berufung auf dieselbe Behörde das Gegenteil. „Trotz Umweltzonen und grüner Plakette nimmt die Feinstaubbelastung in Deutschland nicht ab“ – wobei ich jetzt annehme, dass Feinstaub aus Partikeln besteht. Das andere Teufelszeug, die Stickoxide, hätten sogar zugenommen, was man faktisch wohl unumstritten festhalten kann, weil sogar das Umweltbundesamt das einräumt. All diese und weitere Umstände sind es denn auch, die die Fraunhofer-Forscher zu ihrem faktisch begründeten Urteil bringen.

Grüner und linker Postfaktizismus ist nicht neu. Schon Karl Marx bog sich die Fakten nach Belieben zurecht, um seine Gesellschaftsformationen und seine kollektiven Volkseinheiten definieren zu können. Marx war sogar schon einen Schritt weiter und schrieb gewissermaßen präfaktisch. Seine Voraussage des „zwangsläufig“ eines unbekannten Tages zusammenbrechenden Kapitalismus lässt sich ja nur deshalb nicht widerlegen, weil der naturwissenschaftliche und technische Fortschritt noch keine ausreichend zuverlässige Glaskugel ermöglicht hat.

Grüne Vordenker, von denen viele vorher marxistisch dachten, haben die Idee der präfaktischen Politik fortgeschrieben. So sagte der „Club of Rome“ einmal voraus, zur Jahrtausendwende (die vergangene, nicht die kommende) habe die Menschheit sämtliche fossilen Brennstoffe des Planeten verbrannt und taumele einer epischen Katastrophe entgegen. In Schulbüchern gehörte diese Behauptung in Faktenform zum Lernstoff. Auch heute sind alle möglichen Weltuntergangsideen fester Bestandteil der post- und präfaktischen Prediger. Möglicherweise haben sie ihre kommunikativen Konzepte einfach bei den Zeugen Jehovas abgekupfert.

Die Linke hatte ihren uralten Postfaktizismus zudem schon immer theoretisch gut fundiert. Man sprach und spricht noch heute von den „Sachzwängen“, die es zu überwinden gelte. Politik zeichne sich dadurch aus, dass sie die „Sachzwänge“ aufheben und politisch gewollte Fakten schaffen könne. Ich habe den Eindruck, auch die Erfindung einer mir gerade nicht präsenten Zahl geschlechtlicher Identitäten könnte zu den Marotten linker Postfaktizität zählen.

Von daher ist es schon unterhaltsam, dass ausgerechnet die jahrzehntelangen Verfechter linker und grüner postfaktischer Politik jetzt den Rechtspopulisten ihren Postfaktizitismus um die Ohren hauen. Sie sind darin natürlich besonders trainiert, denn sie erkennen in den Politikmethoden der Rechten die eigenen Methoden wieder. Das Herumeiern um objektivierbare Tatsachen, das Zerreden empirischer Forschung, der Spott gegen Sachlichkeit und Fortschritt, das hasserfüllte Niederbrüllen unerwünschter Fakten (eine Spezialität des linken Mobs, an den ich mich als Mitglied einer bürgerlichen Fraktion im Studentenparlament der Berliner Freien Universität in den frühen 1980er Jahren noch gut erinnere) und die aus Angst vor Meinungskontrollverlust entstehende Neigung zu ausgreifender Medien- und Gedankenkontrolle – das lässt sich faktisch und objektivierbar auf beiden Seiten gut beobachten.

Vielleicht hilft hier ein Satz eines intelligenten Mannes namens Albert Einstein:

„Einer, der nur Zeitungen liest und wenn’s hoch geht, Bücher zeitgenössischer Autoren, kommt mir vor wie ein hochgradig Kurzsichtiger, der es verschmäht, Augengläser zu tragen. Er ist abhängig von den Vorurteilen und Moden seiner Zeit, denn er bekommt nichs anderes zu sehen und zu hören. Und was einer selbständig denkt ohne Anlehnen an das Denken und Erleben anderer, ist auch im besten Falle ziemlich ärmlich und monoton.“ – zitiert aus: Johannes Wickert: Einstein, rororo, 1983, Seite 28.

Insofern möchte man den Stadt- und Staatsvätern und -muttis zurufen: Setzt einfach mal wieder ’ne passende Brille auf. Und dass in München auch die Einsteinstraße zur postfaktisch begründeten Umweltzone gehört hat Einstein nun wirklich nicht verdient.

2 Kommentare
  1. Dr. Caligari sagte:

    Was ist mit Merkel, hat sie nicht auch einmal gesagt bei Anne Will, dass Zahlen sie nicht interessieren?

    Was Marx angeht, so muss man doch sagen, dass er eine sehr sichere Wette abgeschlossen hätte. Wenn ich mir die Frage stelle „Was wäre für dich die größere Überraschung Caligari, dass der Kapitalismus die Menschheit bis ans Ende aller Tage begleitet oder das auch diese Wirtschaftsordnung verschwindet?“, dann müsste ich antworten: Der Kapitalismus hat seine Epoche, der Feudalismus hat seine Epoche usw.
    Nein. Wenn morgen früh ein Menschenwesen in einem Raumanzug vom Himmel fällt und darin sitzt ein Zeitreisender vom Ende der Menschheit, dann wäre ich mehr überrascht darüber, dass auch am Ende der Menschheit noch Kapitalismus herrscht als wenn er von völlig neuen Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen erzählt, die nach uns kommen werden.

    Wie dem auch sei: Guten Abend!

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  2. Ernst sagte:

    Wir haben gelernt: Marx ist Wissenschaft, die anderen Philosophen haben nur ihre Meinung gesagt! Also, was Marx sagt, ist faktischend. (Part., präs.)

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