Grafik: ssoosay*

Ich verstehe, wenn jemand rechtsstaatliche Grundsätze auch im Fall bin Laden einfordert. Ich sehe das trotzdem anders. Bin Laden ist eine Ausnahme. Eine solche Figur hat die Welt seit den Assasinen nicht gesehen. Meine Gründe sind die:

 

  • Er hat der Welt, voran den USA, den Krieg erklärt und diesen Krieg geführt. Was ist nicht alles geschrieben worden über diese neuartige asymmetrische Kriegführung, die den Westen so schwach aussehen ließ, weil die gewohnte Frontlinie fehlt, der Feind kein Territorium zu verteidigen hat und den Krieg punktweise an beliebige Orte trägt. Jetzt zeigt sich, dass diese Strategie auch schiefgehen kann. Der Vorteil der asymmetrischen Krieger reichte nur so lange, bis sich der Westen darauf einstellte.
  • Seine Gefangennahme hätte einen gigantischen Aufwand bedeutet und vermutlich mehr als ein Menschenleben gekostet. Gibt es in solchen Fällen einen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit? Warum sollte bin Ladens Leben schützenswerter sein als das von Unschuldigen, die bei Rache oder Befreiungsversuchen sterben?
  • Recht bedeutet auch Recht für die Opfer. Wie müsste ein Prozess geführt werden, damit die Opfer so etwas wie Genugtuung erfahren? Dieser Aspekt gehört auch zum Rechtsstaat, wird aber gern vergessen.

Den anderen, eher emotionalen Kram, will ich da gar nicht weiter bemühen, weder das Auge um Auge noch den Umstand, dass bin Laden den Tod in seinen Botschaften auf perverse Weise verherrlichte.

*ssoosay: Link

4 Kommentare
  1. Jörg Kremer sagte:

    Bin ja normalerweise kein Anhänger irgendwelcher Verschwörungstheorien, aber ich kann mir durchaus vorstellen, daß der Typ gerade auf Guantanamo “verhört” wird. Ergibt doch wirklich keinen Sinn, freiwillig auf die vielen potentiellen Informationen zu verzichten, die Bin Laden evtl. preisgeben könnte. Und ins Meer werfen kann man ihn ja später immer noch.

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  2. Mark Eisner sagte:

    1.) Bin Laden war keine “Ausnahme” – asymmetrische Kriegführung hat es auch in der Zwischenzeit seit den Assassinen gegeben, nämlich immer dann, wenn eine Gruppe mit beschränkten Mitteln sich einer Gruppe mit größeren Mitteln (an Personen, Material, Organisation) gegenübersah. Die Resistance betrieb im besetzten Frankreich auch nichts anderes als “asymmetrische Kriegführung”, woran sich ganz nebenbei erkennen läßt, daß dies nicht nur nicht neu, sondern auch nicht unter allen Umständen immer “böse” ist.

    Bin Laden war auch keine Ausnahme, was die Zahl direkt oder indirekt von ihm verursachter ziviler Opfer angeht. Da hat Obamas neuer Liebling Petraeus wohl in etwa genauso viel auf der Kappe, und beide befinden sich eher in der Bezirksliga, was historische Massenmörder angeht.

    Er bzw. seine “Leistungen” waren bestenfalls in einer Hinsicht eine Ausnahme, nämlich in ihrer Symbolkraft. 9/11 war weniger als konkretes Ereignis herausragend (3000 Leute sterben alle paar Monate bei irgendwelchen Erdbeben – um mal bei singulären Ereignissen zu bleiben und nicht noch Hunger/Autounfälle zu bemühen), sondern eher als Kondensationspunkt, der bestimmte Strömungen (politische, mediale, gesellschaftliche) bündelte und dadurch neue Realitäten schaffte. Und OBL war Symbolfigur dieses Symbolereignisses und möglicherweise gar nicht direkt in die Planungen involviert.
    Beide Symbolereignisse wie auch ihre Folgen waren auch erst ab diesem Zeitpunkt (2001) in dieser Form möglich, vorher war die Medienabdeckung gar nicht dafür geeignet. Und wer auch immer die Attentate letztendlich geplant und choreographiert hat (offiziell ja nicht OBL, sondern Chalid Sheik Mohammed), hat die Medienwirksamkeit gezielt zum Hauptkriterium gemacht.

    2.) Nach allem, was man bisher weiß, *wurden* Leute gefangen genommen, angeblich u.a. OBLs Tochter. Und nach allem, was man weiß, wurde er regelrecht hingerichtet und nicht in Notwehr erschossen.
    Und: man gibt sich nicht einmal die Mühe, es wie Notwehr aussehen zu lassen.

    3.) Genugtuung läßt sich nicht messen, Herr Lemmer. Die Ansichten der 9/11-Opfer über den angemessenen Umgang mit den Tätern reichen von “alle an die Wand” bis “Vergebung”, mit allen möglichen Graustufen dazwischen. Wollen Sie da ein statistisches Mittel rausrechnen oder wie soll diese Art der “Genugtuung” ablaufen? Und was wäre dann mit der Genugtuung für die Opfer von Petraeus?

    Das ist viel zu simpel (nicht einfach, sondern simpel). Und Teil genau des “emotionalen Krams”, von dem Sie sich danach distanzieren.

    Mark

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