Geht's hier wirklich nur um Sicherheit? Mein Messer durfte ich in Berlin-Tegel durch die Sperre mitnehmen, mein Deo nicht

Vor einigen Tagen las ich in einem Kommentar, Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde München/Oberbayern und frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, werde beim Einchecken am Flughafen bevorzugt behandelt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Der Autor war lesbar ärgerlich darüber. Scheinbar musste er sich gerade von den Sicherheitsleuten betatschen lassen, als er sah, wie Frau Knobloch auf kürzestem Weg durch die Sperre geleitet wurde, ohne Tatscherei. Das fand er ungerecht – was ich für ein Zeichen von Neid und Dummheit halte.

Warum sollte sich Frau Knobloch untersuchen lassen müssen? Glaubt irgendjemand, sie wolle das Flugzeug in die Luft sprengen, in das sie gleich einzusteigen gedenkt? Und wenn jedem klar ist, dass sie das nicht tun wird und keine Bombe mit sich herumträgt, wieso sollte sie dann untersucht werden? Nur, um herauszufinden, was eh jeder schon weiß? Einfach nur deshalb, weil alle anderen sich ja auch betatschen und begrabbeln lassen müssen? Manchmal, wie in Berlin, auch noch von ziemlich unverschämten Burschen, denen offenbar ihre Macht zu Kopf gestiegen ist. Wie der, der gerade mehrfach meine Hose von oben bis unten befühlte, nachdem ich meinen Gürtel abzulegen hatte, und der dann in scharfem Tonfall schnarrte: „Ich war noch nicht fertig mit Ihnen“, weil ich mich zu seinem nicht minder unfreundlichen Kollegen umgedreht hatte, der mich fragte: „Ist das Ihr Koffer?“

Wenn also klar ist, dass Frau Knobloch keine Bombe hochgehen lassen will, dann darf sie gern unkontrolliert ins Flugzeug steigen. Ebenso, wie das alle anderen dürfen sollten, bei denen klar ist, dass sie keine Bombe hochgehen lassen wollen. Wenn es vor dem Einsteigen wirklich um Sicherheit ginge und um nichts anderes, sollten Fluggäste in Risikogruppen eingestuft werden. Leider wurde die Debatte darüber abgewürgt, bevor sie begonnen hatte. Weil es, darf man vermuten, in Wahrheit eben nicht nur um Sicherheit geht, sondern auch um die üblichen, mit politischen Korrektheitsvorkabeln verschwurbelten Neidkomplexen.

3 Kommentare
  1. Jan D. Walter sagte:

    Wenn jemand mit Dreadlocks auf dem Kopf in einem Hippie-Bus die Schweizer Grenze überquert, muss er damit rechnen, dass sein Fahrzeug auf Drogen durchsucht wird. Die Vermutung der Grenzbeamten, er könnte verbotene Substanzen mit sich führen, ist nachvollziehbar.
    Nachvollziehbar ist auch, dass viele Menschen in Deutschland vor Personen, offenbar arabischer Herkunft, zurückweichen und sie mit Argwohn beäugen oder auch wegsehen.
    Der Unterschied ist: Dreadlocks und Hippie-Bus sind freiwillige zugelegte Standarten einer Sub-Kultur, in der auch der Konsum insbesondere halluzinogener Drogen eine erhebliche Rolle spielen. Attentate gegen Zivilbevölkerungen bilden aber keinen elementaren Bestandteil der Lebensführung von Menschen von arabisch anmutender Herkunft.
    Deshalb ist es legitim, die Beurteilung des ersten Sachverhalts Grenzbeamten überlassen. Tut man das im zweiten Fall, bedient man sich arbiträrer, geburtgegebener, also unfreiwilliger, und zudem zweifelhafter Eigenschaften als Kriterien heran, um über das Gefahrenpotenzial einer Person zu urteilen. Denn darauf zielte die – so geführt glücklicherweise – im Keim erstickte Debatte ab.
    Wenn man solch eine Diskussion führt, dann muss sie damit beginnen, herauszufinden, ob Merkmale auszumachen sind, die kausal – nicht statistisch – mit der Gefahr zusammenhängen, die jemand durch das Besteigen eines Flugzeuges ausstrahlt.
    Allerdings halte ich die geltenden Sicherheitsmaßnahmen ohnehin für kaum hinzunehmende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte angeblich freier Menschen.

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  2. bitterlemmer sagte:

    Die Unterscheidung zwischen kausal und statistisch mag freundlich gemeint sein, aber Deine Beispiele zeigen ja schon, dass sie nicht wirklich funktioniert. Eine Kausalität zwischen Dreadlocks und Dope besteht ja nicht, eher schon ein – von mir aus gefühlter – statistischer Zusammenhang. Hier allerdings kommt dann doch wieder Kausalität ins Spiel, weil es ja Gründe dafür gibt, dass eine Statistik so oder so ausfällt. Deinen Schlußsatz unterschreibe ich allerdings voll und ganz. (ich hasse ein dreifach-S…)

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  3. Ulrich Huppenbauer sagte:

    Lieber Herr Lemmer,
    Der Kommentar, der Anlaß Ihres Kommentars ist, ist das eigentliche Problem. Wo leben wir denn? Es würde mich schon mal interessieren, in welcher Zeitung Sie dies gelesen haben und wer dieser Kommentator ist, der sich darüber aufregt, daß eine über 80jährige Frau, die öffentlich bekannt ist, und die selbst Überlebende der Shoah ist, unbeanstandet durch die Kontrolle gehen darf. Für mich ist das leider ein Zeichen, daß die alten Geister immer noch tief in vielen deutschen Gehirnen verwurzelt sind. Es ist so bequem, sich auf das Prinzip Gleichbehandlung zu berufen und eigentlich etwas ganz anderes zu meinen.
    Ulrich Huppenbauer

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