Erwies sich als publizistischer Desperado: Julian Assange / Fotoquelle: unten

Wie konnte es nur passieren, dass sich vertrauliche Informanten an die dubiose Wikileaks-Plattform wenden statt sich an traditionelle Medien zu halten? Die Antwort lautet vermutlich: Weil traditionelle Medien den guten, harten Journalismus mehr oder weniger aufgegeben haben und weil es naheliegend schien, dass eine Web-Plattform die Lücke schließt.

Assange versprach der Welt die Offenlegung aller staatlichen Geheimnisse. Auf unbekannte Weise hatte er seiner bis dato leeren und bedeutungslosen Plattform den ersten Coup verschafft, als er Hintergründe einer somalischen Al-Kaida-Formation enthüllte. Die Dokumente wurden ihm möglicherweise vertraulich zugespielt, möglicherweise hat er sie mit Hilfe seiner Verschlüsselungsexperten aus dem Netz geklaut. Jedenfalls hatte er seinen erste Coup, und der ermunterte Geheimnisträger, das Material für weitere Enthüllungen hochzuladen.

Klassische Journalisten versprechen schon lange nicht mehr, alle staatlichen Geheimnisse aufzudecken. Sie verstehen sich vielmehr als vierte Gewalt des Staates. Einen wesentlichen Teil ihrer Zeit verbringen sie damit, zu diskutieren, welche Informationen sie ihrem Publikum zumuten können oder dürfen und welche nicht. Ihren Presseausweis verwenden sie, um billiger an Autos, Reisen oder Computer zu kommen, nicht aber, um zu recherchieren. Parlamentsreporter drücken sich in Hinterzimmern mit ihren Lieblingspolitikern herum und verstehen sich als deren Lobby. Ein ZDF-Moderator ist Regierungssprecher, der vorherige Regierungssprecher ist Intendant einer ARD-Anstalt. Grundsätzliche Kritik übt daran niemand.

Im Rest der Welt ist die Lage nicht besser. In Frankreich verstehen sich die Medien entweder als freiwillige Erfüllungsgehilfen der Regierung oder werden kujoniert. Die Redakteure des Web-Portals Mediapart, praktisch das einzige Medium des Landes, das Journalismus ernst nimmt, haben sich an Morddrohungen und ständige Hausdurchsuchungen der Ermittlungsbehörden längst gewöhnt. Mediapart enthüllte etwa, dass Nicolas Sarkozy zu den Empfängern von Bargeld-Couverts aus den Händen der Bettencourt-Familie gehörte, die jahrelang auffallend von den Steuerbehörden geschont wurde. In den USA haben Fernseh-Networks die publizistische Deutungshoheit übernommen und kommen praktisch völlig ohne Fakten aus. Meinungsstarke Kolumnisten, die früher als Sidekicks sinnvoll waren, sind ins Zentrum gerückt und ersetzen die Berichterstattung.

Da war dieser Herr Assange zuerst ganz erfrischend. Er kaperte einfach den weltweiten Enthüllungsjournalismus. Er nannte sich sogar Chefredakteur, als sei Wikileaks so etwas wie eine Zeitung. Aber schon an Äußerlichkeiten war zu erkennen, dass hier ein gewaltiger Etikettenschwindel im Gange war. Assange schrieb keine Artikel, er kam in ihnen vor. Sein Foto prangte nicht in den Autorenzeilen, sondern in der Seitenoptik. Er interviewte nicht, sondern wurde interviewt. Journalist nannte er sich nur deshalb, weil er das gesetzlich garantierte Zeugnisverweigerungsrecht in Anspruch nehmen wollte, das es in den meisten europäischen Ländern gibt.

Aber Assange ist kein Journalist. Er ist ein verantwortungsloser, grenzenlos eitler publizistischer Desperado. Er hat Hunderte gutgläubige Informanten in höchste Gefahr gebracht. Er hatte die Möglichkeit dazu, weil Leute, die Sauereien an die Öffentlichkeit bringen wollten, keinen anderen fanden, um sich vertraulich zu erleichtern. Vielleicht kommt die eine oder andere Redaktion auf die naheliegende Idee, mit eigener Arbeit ein Wikileaks überflüssig zu machen. Das wäre nichts anderes als eine Besinnung auf journalistische Grundtugenden.

Foto: bbwbryant via flickr

1 Antwort
  1. Vanessa Klüber sagte:

    Lieber Herr Lemmer,

    interessanter Artikel! Ich bin von der Uni Düsseldorf und wir machen eine Studie zum Thema Demokratie, Medien und Geheimnisse in der Politik. Ich würde mich deshalb frreuen, wenn Sie an der Studie teilnehmen könnten. Schicken Sie mir dazu Ihre Mailadresse – ich schicke Ihnen dann einen Link zum Fragebogen? Mehr zur Studie erfahren Sie in meiner Mail. Bei Fragen melden Sie sich gerne!
    MfG
    Vanessa Klüber

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