Ich persönlich halte es so, dass ich immer möglichst wenig Ausrüstung mit mir herumschleppe. Meine letzte Bergwanderung ist drei Wochen her, da ging es auf den Hochfelln. Meine einzige Ausrüstung war mein schon leicht verschlissenes Paar Laufschuhe. Keine Bergstiefel, die sind auf mehr oder weniger klaren Wegen gar nicht nötig. Auch keine Stöcke, keinen Rucksack, keine Getränkevorräte, kein Proviant, kein Helm, keine Kampfweste – nichts dergleichen. Ich war nach einer guten Stunde am Gipfel. Als übliche Gehdauer sind unten vier Stunden ausgeschildert. Ich habe zahlreiche andere Wanderer überholt. Das lag sicher nicht nur daran, dass ich den Aufstieg sportlich angegangen bin, sondern auch daran, dass die anderen einfach viel zu viel Zeug zu schleppen hatten. Die Ausrüstung mag aufregend aussehen, ist aber komplett hinderlich.

Für die Komplettmontur von Polizeieinheiten gilt das in gewissen Situationen offenbar auch. Die besteht bekanntlich aus einem sperrigen Overall, möglicherweise schussfest verstärkt, Waffen, Funkgeräten, Handschellen, Stiefeln und weiteren Dingen, die sie auf ein Gesamtgewicht von 35 Kilogramm bringen, wie man heute bei welt.de lesen konnte. Angesichts dessen ist verständlich, dass derart gepanzerte Polizisten einem unbeschwerten Mann wie dem in Chemnitz gesuchten Dschaber al-Bakr nicht folgen konnten, als der einfach wegrannte.

Denken kann man sich auch, was die Ritter in ihrer Rüstung so dachten, als sie atemlos und schwitzend hinter dem mutmaßlichen Sprengstoffmischer her waren und ihm nur hinterhergucken konnten. Vermutlich haben sie ihre komplette Führungsebene, die Schreibtischbeamten, Ministerialen und politischen Entscheider verflucht, die ihnen stapelweise Dienstvorschriften und Anweisungen aller Art verpassen, in deren Einhaltung ein derartiger Einsatz nur gepanzert absolviert werden darf, leider ohne Streitross.

Und manch einer wird sich gedacht haben, ein Turnschuhpaar und ein Taser hätten nicht nur genügt, sondern die ganze Peinlichkeit in dieser Geschichte auch gleich erspart. Hätten nicht, sagen wir, zwei Polizisten der Gruppe als leichte Laufeinheit fungieren können? Al-Bakr wäre dann nicht entkommen. Man hätte nicht auf glückliche Umstände setzen müssen, um ihn zu kriegen. Die traten zwar ein, als der Flüchtige einige Landsleute um Zuflucht bat, die aber andere Loyalität verspürten und ihn festnahmen. Eine schöne Wendung, um die es in gewisser Weise natürlich schade gewesen wäre, bis auf den Umstand, dass die Polizei die Syrer am Telefon nicht ernst nahm und erst einer der syrischen Helden persönlich mit Handyfoto bei einer Wache antanzen musste, um die Staatsmacht von der Echtheit der gemeldeten Festnahme zu überzeugen. Auch das kann man sich bildhaft vorstellen.

Aber dass al-Bakr erst einmal entkommen konnte ist ein Skandal. Es ist aber kein Skandal der Polizei und schon gar nicht der beteiligten Beamten. Es ist ein Skandal der Sicherheitspolitiker und auch derjenigen, die zwischen dem Sortieren ihrer Büroklammern und der Kantinenpause dummerweise noch Zeit übrig haben und nichts besseres damit anfangen können, jeden Schritt und jede Entscheidung noch stärker zu regeln, zu zentralisieren und zu brürokratisieren.

1 Antwort
  1. Joachim Adamek sagte:

    Ja, es gab in der Sache Jaber al-Bakr viele Pannen. Eine haben Sie erwähnt: Es gab an jenem Sonnabend offensichtlich zu wenig Leute für einen Zugriff, und sie waren falsch ausgerüstet. Der “erste Ring” war sich nicht sicher, wen er vor sich hatte, als der Terrorverdächtige ihnen entgegen kam, der “zweite Ring” konnte keine Verfolgung übernehmen. Kurz, der Zugriff war schlecht organisiert. — Gemäss der dtsch. StPO darf gegen Tote nicht ermittelt werden. Das bedeutet jedoch nicht automatisch das Ende aller Ermittlungen. Frage ist nur, ob man eine solche für notwendig bzw. sinnvoll erachtet. Es gibt – alles in allem – nur spärliche Informationen zu al-Bakr, und sie wollen vielfach nicht zusammen passen. Wenn man bspw. seine Reisetätigkeit gegen Ende 2015 betrachtet, dann dürfte er mehrmals zwischen Deutschland und der Türkei gependelt sein. Verhält sich jemand so, der in Syrien auf der Seite des IS kämpfen möchte? Oder brauchte er nicht zu fürchten, wegen seiner Reisetätigkeit in den Fokus der Sicherheitsbehörden zu geraten? Eine wichtige Frage wäre, welche Papiere er mit sich trug. Sollten die Informationen zutreffen, die westliche Medien im letzten Jahr verbreitet haben, müssen Kämpfer bei der Einreise in den IS sowohl ihre Papiere als auch ihr Handy abgeben. Zur Ausreise benötigen sie ein besonderes Schriftstück. Fest steht, dass al-Bakr durch den IS keine Ausbildung zur Herstellung von Sprengkörpern erhielt. Seine Aktivitäten in der Türkei und Syrien sind ein einziges Geheimis. Nur der Versuch einer Legendenbildung ist erkennbar.

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