Wer die Stimmung auf dem Tahrir-Platz in Kairo einfangen möchte, guckt nicht Fernsehen, sondern schaut sich die Bilder des freien Journalisten Richard Gutjahr an

Der Taxifahrer sagte sehr deutlich, was er von Mubarak hielt. Er nannte ihn “Mister Mubarak”. Und erklĂ€rte: “I call him Mister. Because Mubarak is not for us people. Mubarak is Mister. Doing for Amerika.” Das war in den 90er Jahren. Ich war damals hĂ€ufig zum Tauchen in Ägypten und fuhr meist mit einem Taxi von Hurghada die letzten 50 bis 100 Kilometer die RotmeerkĂŒste entlang zum Ziel. Dass in Ägypten schon damals nicht alles so war, wie es hierzulande dargestellt wurde, konnte man, wenn man nur hinsah, erkennen. Etwa daran, dass es unglaublich schwer war, mit Menschen dort ins GesprĂ€ch zu kommen (jedenfalls mehr als ein Hallo und ein paar Belanglosigkeiten). Oder in Kairo, wo ich mehrmals sah, wie Uniformierte ohne sichtbaren Anlass Menschen in irgendeine Ecke zerrten und ĂŒbelst verprĂŒgelten. Dass Ägypten schon immer Touristen ins Land ließ (anders als das abgeschottete Saudi Arabien) hat manchen Sand in die Augen gestreut. In Wahrheit war das Land schon unter dem FriedensnobelpreistrĂ€ger Anwar el Sadat, dem VorgĂ€nger Mubaraks, eine brutale Gewalt-Diktatur.

Genauso versteinert und menschenverachtend sind bis auf wenige Ausnahmen alle arabischen Regime. Diese Wahrheit kommt jetzt endlich ungeschminkt ans Tageslicht. Tunesien, Ägypten und Jordanien sind erst der Anfang. Der syrische Diktator Assad redet auch schon von etwas, das er Reformen nennt und in Wahrheit nichts anderes ist als der verzweifelte Versuch, die Macht zu halten. Dass diese Wahrheit jetzt auch bei uns ankommt, verdanken wir freilich nicht den etablierten Medien, sondern auch allen möglichen Plattformen, die sich im Internet tummeln. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender versagen gerade grandios und verpennen den fĂŒr die Welt relevantesten Umsturz seit dem Fall der Mauer.

Klingt  verwegen? Ist es aber nicht. Jahrzehntelang pflegten alle Bundesregierungen beste Beziehungen zu diesen Diktatoren, ebenso wie der Rest der westlichen Welt, und die öffentlich-rechtlichen Anstalten verstanden sich als VerkĂŒnder. Das Öl. Die diversen MachtsphĂ€ren hier und da. Oder Frankreichs Sarkozy mit seiner Mittelmeerunion, der Tunesiens Diktator Ben Ali bis zum Abgang auf anbiedernde Weise die Stange hielt. Das ist alles einfach nur ekelerregend. Tagesschau und Heute-Nachrichten haben diese Politik unkritisch im Stile des Neuen Deutschland weitergereicht. Darum versagen sie jetzt in Ägypten und bei der Berichterstattung ĂŒber die arabische Revolution. Sie haben noch keine interne politische Linie fĂŒr den Umgang mit der arabischen Revolution erarbeitet. Die Debatten der Parteistrategen in den RundfunkrĂ€ten laufen zu langsam fĂŒr das Tempo der Revolte, die auf diese Weise den wirklichen Charakter von ARD und ZDF entblĂ¶ĂŸt.

Also ĂŒbernehmen andere, und zwar mit Wucht. Einige Zeitungen und ihre Online- und Twitter-KanĂ€le machen gerade eine gute Figur (sehr konsequent und komplett: Der Welt-Nachrichtenticker). Oder man schaut auslĂ€ndische Fernsehsender oder klickt ihre Webseiten. CNN und BBC machen ARD und ZDF vor, wie es geht. Und dann gibt es eine echte Neuigkeit zu bestaunen, nĂ€mlich den Journalisten Richard Gutjahr, der gerade wieder in Israel war, spontan nach Kairo dĂŒste, als es dort losging und aus der Menge heraus Stimmungsberichte und eine FĂŒlle exzellenter Bilder aus erster Hand liefert. Schon eine Ironie, dass Gutjahr vom öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunk fĂŒr einen relativ leichtgewichtigen Moderatorenjob bezahlt wird, aber als Einmann-Blogger mehr authentische Berichterstattung auf die Beine stellt als seine Anstalt. Besonders originell ist, dass er jetzt von ARD-Sendern telefonisch interviewt wird und, wie auf seinem Twitter-Kanal zu lesen, da so manche oberdĂ€mliche Staatsfunkerfrage gestellt bekommt, etwa von einer Einslive-Moderatorin, die wissen will, ob er auch neutral sei.

Das wirklich Gute daran ist: Die Vision der Schöpfer des Internet rĂŒckt wieder ein StĂŒck nĂ€her. Der freie Fluss der Informationen, ohne Gatekeeper, ohne Zensoren, ohne staatliche Lizenzen, völlig unkontrolliert und an den MĂ€chtigen vorbei. Reißt die versteinerten MachtverhĂ€ltnisse in Diktaturen um und entblĂ¶ĂŸt unsere Staatsmedien als das, was sie sind.

Was jetzt kommt, dĂŒrfte dem Ă€hneln, was viele Unternehmen schon mitgemacht haben, die sich plötzlich gezwungen sahen, ethische Prinzipien einzufĂŒhren, weil die Kunden von inakzeptablen Produktionsbedingungen erfuhren und sie nicht lĂ€nger hinnehmen wollten. Die arabische Revolution könnte eine ethische Politik erzwingen, die Abschied davon nimmt, fĂŒr Öl und Gas jede menschliche Schweinerei unter den Tisch zu kehren. Schon möglich, dass die Lage in den arabischen LĂ€ndern vorĂŒbergehend ungemĂŒtlich werden könnte. Aber unterm Strich sind freie und faire Gesellschaften die bessere Wahl auch fĂŒr uns und ĂŒberdies als einzige mit dem Kant’schen Imperativ vereinbar.

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