Kuriose Welt: Vor einigen Jahren war es die politische Linke, die Verständnis für Täter aller Art verlangte und das damit begründete, jeder Bösewicht sei auch durch gesellschaftliche Umstände zum Täter geworden. Beim NSU-Prozess ist das anders. Hier steht die Sicht der Opfer im Zentrum, und vom Gericht erwarten viele – auch professionelle – Beobachter, dass es diese Sicht teilt. Was aber, wenn Beate Zschäpe am Ende mit einer milden Strafe davonkommt – was beileibe nicht unwahrscheinlich ist?

Die Bundesanwaltschaft hat sich jedenfalls schon darauf eingestellt, ihre Anklage, die sie jetzt ja vielleicht doch bald verlesen kann, flexibel anzupassen. Wenn sich im Lauf des Verfahrens zeigen sollte, dass sich Zschäpe eine Mittäterschaft an den in Rede stehenden zehn Morden nicht zwingend nachweisen lässt, dann werde man die Mittäterschaft fallenlassen und stattdessen auf Beihilfe plädieren. Darauf hat mich ein Vertreter der Bundesanwaltschaft schon vor einiger Zeit hingewiesen. Für Zschäpe würde das eine Haftstrafe von mindestens drei Jahren bedeuten. Aber auch die Beihilfe will erstmal bewiesen sein. Dass Zschäpe gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt durchs Land reiste, ist aber kein Beweis, sondern erstmal nur ein Indiz. Dasselbe gilt auch für die anderen Details, jedenfalls die bisher bekannten.

Diese Sicht der Dinge steht in schroffem Kontrast zu den Erwartungen, die mancher hegt. Ein besonders deutliches Beispiel findet sich in der taz. Sie druckte einen Beitrag des türkischen Journalisten Yücel Özdemir, der eigentlich für die linke Istanbuler Zeitung Evremsel schreibt. Die taz kooperiert bei der Bereichterstattung über den NSU-Prozess mit Evremsel, weil die türkischen Kollegen einen Sitzplatz im Gerichtssaal zugelost bekamen, die taz dagegen nicht. Der türkische Kollege verfällt gleich im ersten Absatz in die Ich-Form und fragt sich, wie er angesichts des Anblicks der NSU-Beklagten wohl reagieren und was er empfinden würde. Seine Antwort lautet:

Nun: Mir standen die Haare zu Berge, als die Neonazis in den Raum kamen. Jeder andere Antirassist in meiner Situation hätte sich ähnlich mühsam zusammengerissen. Viel lieber hätte ich lauthals „Mörder!“ geschrien.

Dann fragt er, wie, um Himmels willen, Beate Zschäpe dazu komme, sich zu verhalten, als spaziere sie über den Catwalk – als sei ihr nicht klar, dass eine voraussichtlich hohe Haftstrafe auf sie warte. Der Kollege zitiert dazu Angehörige von NSU-Opfern. Eine sagte, sie habe am ganzen Körper gezittert, als Zschäpe den Saal betrat. Und Elif Kubasik, die Witwe des in Dortmund erschossenen Mehmet Kubasik, ergänzt:

„Sie wollte uns demonstrieren, dass ihr ihre Taten nicht leidtun. Ich wollte stärker sein und biss die Zähne zusammen, um nicht zu weinen.“

Es kann so gewesen sein, wie Elif Kubasik empfindet – aber eben auch anders. Wäre es möglich, Beate Zschäpes Gedanken zu lesen, dann müsste niemand fordern, sie möge reden. Allerdings fände man dann auch die Ursprünge ihrer rechtsextremen Nazi-Gesinnung. Journalist Özdemir verlangt namens der Angehörigen, dass auch die Motive der Taten aufgedeckt werden. Die liegen wohl in politischer Hass-Gesinnung. Wie wurde Beate Zschäpe also zur Nazi-Braut? 1989, als die DDR zusammenfiel, schloss sie sich zunächst einer linksradikalen Gruppe an, die sich „Die Zecken“ nannte. Ihre Jugend und Kindheit waren alles andere als behütet. Ihre Mutter ließ sie im Stich, als sie zwölf Wochen alt war und verzog sich für Studium und Spaß am Leben nach Bukarest. Die Zeit als Baby verlebte sie bei einem Mann, der nicht ihr Vater war, aber in ihre Mutter verliebt und hemmungslos von ihr ausgenutzt. Später sorgte die Großmutter für sie, dann irgendwann endlich auch die Mutter. Es war eine herzlose und kalte DDR-Kindheit. Erst, als sie den rechtsgesinnten Uwe Mundlos kennenlernte, schloss sich auch Beate Zschäpe der Nazi-Szene an.

Wollen die Opfer wirklich wissen, wie Beate Zschäpe wurde, was sie wurde? Und wie wollen sie damit umgehen? Es macht die Sache ja eher schlimmer. Bisher ging es im NSU-Prozess nur um verfahrensjuristisches Geplänkel. Schon das sei kaum auszuhalten gewesen, notiert der türkische Kollege und beschreibt die Gefühlslage im Saal so:

Erst dann wird ersichtlich, wie belastend es für die Familien sein muss, mit den mutmaßlichen Tätern im gleichen Saal zu sitzen. Schmerz und Zorn sitzen tief, jedoch bleibt den Hinterbliebenen nichts weiter als das Warten auf einen gerechten Urteilsspruch.

Das kann bekanntlich Jahre dauern. Und bis dahin könnte es noch viel belastender für die Opfer werden – wenn nämlich endlich zur Sache verhandelt wird – mit allen Einzelheiten zu den Taten, den Opfern und den Tätern.

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