AKTUALISIERTE FASSUNG DIESES BEITRAGS — Mit dem Geld ist es nicht viel anders als mit jeder knappen Ware. Irgendwann ist der Vorrat alle, wenn die Nachfrage den Nachschub übersteigt. Die Nachfrage nach Geld wächst derzeit massiv – nicht, weil die Unternehmen exzessiv Kredite aufnehmen, sondern weil die Staaten jedes Maß verloren haben. Die Griechenland-Krise zeigt schlaglichtartig, worum es dabei geht – und warum jeder Privatmann und jedes Unternehmen die Folgen spüren wird.

1. Bis zum Jahresende muss Griechenland 54 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen, allein im April und Mai 20 Milliarden Euro. Dazu ist das Land aus eigener Kraft nicht in der Lage. Es muss – MUSS! – darum neue Schuldscheine ausstellen, und zwar in mindestens der Höhe, die jetzt fällig wird. In der Vergangenheit war so etwas kein großer Akt. Wenn ein Staat Schuldscheine auf den Markt bringt, finden sich bisher immer Abnehmer. Jetzt womöglich nicht mehr. Der letzten Ausgabe griechischer Schuldscheine im Februar in Höhe von 5 Milliarden Euro stand zwar ein Angebot in Höhe von 7 Milliarden Euro gegenüber, aber das war eine geradezu lächerlich niedrige Überzeichung. Bisher konnten Staatsanleihen darauf vertrauen, wenigstens um das drei- bis vierfache überzeichnet zu sein. Die Chancen stehen hoch, dass sich jetzt noch weniger finden, trotz hoher Zinsen von inzwischen um die 6 Prozent. Das bedeutet: Griechenland muss bangen, seine Schulden bedienen zu können. Der Staat wäre dann bankrott.

2. Was tun? Da die griechischen Regierungen – rote wie schwarze – seit Einführung des Euro ihre europäischen Partner mit gefälschten Statistiken betrogen haben, wäre eigentlich der Rausschmiss aus der Euro-Zone fällig. Unternehmer oder Bilanzbuchhalter würden für so etwas ins Gefängnis wandern. Allfällige Sanktionen gegen Griechenland sind aber nicht möglich, weil so etwas im Maastricht-Vertrag schlicht vergessen wurde. Andererseits wurde aber vereinbart, dass die anderen Euro-Länder keine Hilfsgelder überweisen, wenn ein Land in Schulden versinkt. Diese Festlegung wollen die Regierungen der anderen Euro-Länder jetzt offenbar vergessen. Vor allem die Bundesregierung macht sich für Milliardenhilfe an Athen stark. Die Idee eines Europäischen Währungsfonds (EWS) und die Diskussion der letzten Woche lässt daran keinen Zweifel. Der EWS wurde übrigens von der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Bank erdacht. Wen wundert‘s: Dort ist der griechische Staat offenbar einer der großen und mittlerweile wackligen Schuldner.

3. Was sind die Folgen? Sehr einfach: Das Geld, das jetzt schon bei der Kreditausgabe fehlt, wird noch knapper. Vor allem der Mittelstand fürchtet, dass die sogenannte Kreditklemme dieses Jahr noch enger werden könnte. Dafür spricht, dass die Staatsschulden auch in Deutschland dieses Jahr massiv steigen. Bis zum Jahresende werden es wahnwitzige 1,7 Billionen Euro sein. Der Zusammenhang ist evident: Jeder Euro, den sich Vater Staat vom Geldmarkt holt, fehlt anderen, die auch gern Kredite aufnehmen würden. Man nennt diesen Effekt Crowding Out. Ökonomen streiten noch, ob wir schon eine Crowding-Out-Situation haben, aber es werden mehr, die das so sehen. Volkswirte der Europäischen Zentralbank haben auf meine Anfrage bestätigt, dass schon jetzt von Crowding Out gesprochen werden kann. Im nächsten Schritt würde dann eine Inflation folgen, die nichts anderes als eine Senkung der tatsächlichen Einkommen bedeuten würde. Das beträfe dann ausnahmslos jeden von uns.

4. Wird die Bundesregierung das zulassen? Sie wird. Diese und die früheren Regierungen entscheiden grundsätzlich immer so, dass die kurzfristigen Konsequenzen überschaubar bleiben, auch, wenn die langfristigen Schäden sich immer höher auftürmen. Kurzfristig würde es ein politisches Erdbeben in Griechenland geben, wenn dort der Staat plötzlich kein Geld mehr hätte. Schlimmstenfalls würden Beamtengehälter und Pensionen nicht mehr ausbezahlt. Die griechische Bahn, die jedes Jahr 800 Millionen Euro (!) Miese einfährt, müsste wohl einen Teil des Betriebes einstellen. Das Land würde ziemlich schlagartig auf seine wahre Größe geschrumpft. Die Bilder, die dann jeden Tag aus Griechenland bei uns landen, würden die bisherigen noch übertreffen, und die will niemand sehen. Weil…

5. …dasselbe Szenario auch hierzulande droht, nur nicht sofort. Auch Deutschland denkt nur ans Geld ausgeben, nicht aber ans Erwirtschaften. Ob schwarz oder rot – jede Bundesregierung seit den 70er Jahren hat Ausgaben und Schulden erhöht. Seit Beginn der ersten schüchternen Staatsanleihen in den 50er Jahren hat Deutschland noch kein einziges Mal seine Darlehen zurückgezahlt. Ob gute oder schlechte Konjunktur – die Schulden stiegen immer. Inzwischen rechnen Ökonomen schon gar nicht mehr mit der Perspektive, die Schulden irgendwann auf Null abzubauen, sondern nur auf die im Maastricht-Vertrag festgelegten Grenzen zurückzuführen. Sogar dieses Ziel, das staatsrechtlichen Charakter trägt, ist zunehmend utopisch geworden. Deutschland würde nach einer Berechnung der EZB 20 Jahre mit einem – illusorischen – durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent benötigen, um die Maastricht-Hürde zu nehmen. Die liegt bei einer Schuldenquote von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Derzeit liegt sie in Deutschland bei 71 Prozent. Griechenland wird im April und Mai demonstrieren, was passiert, wenn das Limit erreicht wird, auf das auch wir ziemlich zielstrebig zusteuern. Und all diese verantwortungslosen Politiker hoffen nur eines: Dass sie diesen Tag nicht im Amt erleben.

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  1. […] Bis am Ende doch alles zerfällt. Seit mehr als eineinhalb Jahren arbeiten die EU-Chefs daran, die Schuldenkrise, die in Griechenland dauereskaliert, zu bemänteln. Man kommt gar nicht mehr hinterher, so rasant […]

  2. […] welcher Dimension sich die griechischen Finanzprobleme bewegen. Im April und Mai benötigt das Land 20 Milliarden Euro. Damit dürfte auch der Lieblings-Tierschutzverein der Hollywood-Aktivisten etwas überfordert […]

  3. […] FASSUNG HIER. Die Chose mit den Griechen (und Portugiesen und Spaniern, demnächst wohl auch Italienern und […]

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