Dass die Linkspartei wenigstens in Teilen antisemitisch tickt, ist keine wirkliche Neuigkeit. Wirklich neu ist aber, dass nunmehr auch der nordrhein-westfälische Landessender WDR unter Verdacht gerät. Ein Redakteur des Studios Düsseldorf hat eine keineswegs private E-Mail verschickt, die die Frage aufwirft, ob er und sein Haus zumindest klammheimlich Sympathien für den Boykott Israels, die Schmähung des Landes als “wahrer Schurkenstaat und Kriegstreiber” und die Relativierung des Holocaust empfinden.

Corpus delicti: Diese Grafik ziert das Flugblatt, das die Linkspartei auf ihre Homepage stellte

Der Kern der Causa ist bekannt. “Duisburger Linke verbreitet Hetze gegen Israel”, schreibt Spiegel-Online, “Linke verbreitet antisemitische Propaganda im Netz”, meldet Welt.de. Anlass ist eine Enthüllung des Blogs Ruhrbarone, die auf ein offenbar seit drei Jahren unbemerkt auf der Seite der Linkspartei zu lesendes Flugblatt gestoßen sind. Die Kritik beschränkt sich im wesentlichen auf ein graphisches Detail. Die Urheber haben den Davidstern mit einem Hakenkreuz verwoben und damit ihr Machwerk verziert. Die Inhalte des Flugblattes stehen dagegen zurück. Sie enthalten die Forderung: “Boykottiert Israel!” Israelische Waren seien “potentielles Diebesgut”, die Unterstützung der “BRD” für Israel sei “sklavisch”. Die Schmähung “gewisser Blätter”, namentlich des Springer-Verlags, als “Judenpresse” sei “wohl weniger ein Schimpfwort als vielmehr die zutreffende Umschreibung der … anbiedernden Berichterstattung über Israel und die Juden”. In bester Nazi-Diktion fordern die Urheber auf, die “wahren Hintergründe des Judaismus” zu ergründen.

 

Nicht bekannt ist bisher, wie der WDR intern mit der Angelegenheit umgeht. Auf der Webseite des Senders wird der Vorfall zwar nachrichtlich vermeldet, eine E-Mail des Redakteurs Wolfgang Frings legt aber nahe, dass es sich dabei um eine unangenehme Pflichtübung handeln könnte. Frings hatte eine Pressemitteilung der Jungen Union auf den Tisch bekommen, die darin einen Stopp des “linken Antisemitismus” forderte und NRW-Innenminister Ralf Jäger attackierte. Frings’ Reaktion darauf, die mir gestern zuging, war so kurz wie ungewöhnlich. “Natürlich ist die Montage solcher Symbole voll daneben”, schrieb er den Jungunionisten und bezog sich damit auf die Verschränkung von Davidstern und Hakenkreuz, fügte dann aber an: “…aber ist Kritik an Israel gleich antisemitisch?” Diese Frage ist skurril, denn das inkriminierte Flugblatt ist alles andere als eine “Kritik an Israel”, sondern eine fundamentale Schmähung des jüdischen Staates und des Judentums per se. Die systematische Ermordung der Juden wird darin als “sogenannter Holocaust” verspottet, der historische Diskurs darüber als “moralische Erpressung” bezeichnet.

WDR-Redakteur Frings setzt in seiner E-Mail an die Junge Union noch einen drauf: “Halten sie uns Journalisten mit dieser Argumentation für so blöd?”, fragt er die Flugblatt-Kritiker. Eher wäre die Frage angebracht, ob Redakteur Frings, der sich ausweislich seines öffentlichen Profils während des Studiums mit dem Spezialgebiet “Recht der sozialist. Staaten” befasste, eine Einzelmeinung vertritt oder versehentlich durchblicken ließ, wie die Redaktionsstuben des WDR wirklich ticken.

8 Kommentare
  1. B. Budniok sagte:

    Wie immer – schön auf den Punkt gebracht. Verwunderlich in diesem Land bleibt jedoch, dass solche Geschichten offensichtlich nur für eine Minorität von Interesse sind.
    Seltsam!

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  2. Peter Linzenkirchner sagte:

    “…Dass die Linkspartei wenigstens in Teilen antisemitisch tickt, ist keine wirkliche Neuigkeit. Wirklich neu ist aber, dass nunmehr auch der nordrhein-westfälische Landessender WDR unter Verdacht gerät…”

    Also weil Sarrazin fremdenfeindliches und sozialdarwinistisches Gedankengut verbreitet gerät die gesamte SPD unter den gleichen Verdacht? Das klingt nach sehr wenig Journalismus und nach sehr viel Verschwörungstheorie.

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    • bitterlemmer sagte:

      Auf den ersten Blick vielleicht. Aber ich habe schon manche Überraschung erlebt, was die Weltsicht von WDR-Redaktionen betrifft. Da dachte man z.B. 1989/1990, es werde absehbar keine deutsche Wiedervereinigung geben und eine wie auch immer reformierte SED werde langfristig weiterregieren kön­nen. Darum wurden Mitarbeiter in die DDR geschickt, um vorgeblich kommende Leute zu portraitieren, etwa Volker Külow, der sich später als übler Stasi-Spitzel entpuppte. Die Sympathien für die damalige DDR und die Ostblock-Regime sind jedenfalls auffällig, und das ist genau das Biotop, in dem der linke Antisemitismus zu Hause ist und schon damals war. Darum bzweifle ich, dass die Antwort Frings’ an die Junge Union ein einmali­ger Ausrutscher war.

      Übrigens habe ich die Pressestelle des WDR um eine Stellungnahme gebe ten. Eine Antwort habe ich aller­dings noch nicht.

      PS. Ich bezweifle, dass das Sarrazin-Beispiel Deine These bestätigt. Die SPD hat das Ausschlussverfahren sicher nicht grundlos beendet. Der Widerstand dagegen und die Zustimmung zu seinem Buch waren in der Partei nicht zu übersehen.

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  5. […] sich mit einer dienstlichen E-Mail den Verdacht des Antisemitismus einhandelte. Darin geht es, wie berichtet, um ein Hetz-Flugblatt, das sich auf der Webseite der Linkspartei Duisburg fand. Redakteur Wolfgang […]

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