Er wolle nicht “mit einer so schlimmen Katastrophe Politik machen”, meinte heute früh der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), um dann aber genau das zu tun und das Unglück in Japan als Vehikel für die eigene Atom-Ausstiegspolitik zu nutzen. Auch Renate Künast von den Grünen und Klaus Ernst von der Linkspartei ließen sich die Chance nicht entgehen, um die “unbeherrschbaren Risiken” der Atomkraft zu geißeln oder zu bedauern, es gebe keine hundertprozentige Sicherheit (Ernst).

Die gibt es nirgendwo, nicht nur in der Atomkraft nicht, wie in Japan sehen kann, wer nicht mit dem Tunnelblick des politischen Beutejägers hinschaut. Die Zahl der Toten ist noch ungezählt, es sind sicher viele Tausend, die meisten von  Erdbeben und Tsunami getötet. Die Verwüstungen im Land sind unvorstellbar, ebenfalls ein Werk der Naturgewalten, keineswegs der Atomkraft.

Was in den beiden havarierten japanischen Kernkraftwerken wirklich geschieht, ist bisher nur ansatzweise bekannt. In einem hat es offenbar eine schwere Explosion gegeben, wie Fernsehbilder nahelegen. Einige Zehntausend Menschen in der Umgebung wurden in Sicherheit gebracht. Wie viel Land und wie viele Menschen mit radioaktiver Strahlung in Berührung kommen, ist noch gänzlich ungeklärt. Anders, als Atomgegner suggerieren, werden die Schäden am Ende keinesfalls “unüberschaubar” sein, sondern ebenso eingegrenzt werden können, wie die Schäden, die das Beben und der Tsunami verursachten.

Und sie werden vermutlich den kleinsten Teil an der Schadensbilanz dieser Naturkatastrophe darstellen. Genau darin liegt der Zynismus der hiesigen Öko-Lobby: Weil ihr dieser kleine Teil aus egoistischen politischen Motiven der wichtigste ist, verzerrt sie die Wahrnehmung dessen, was in Japan tatsächlich passiert ist und verengt sie auf ihr Lieblings-Apokalypsen-Thema Atom.

29 Kommentare
  1. Petra Küntzer sagte:

    es wäre wirklich schön, wenn es nur den geringsten Teil der Schadensbilanz ausmachen würde. Allein mir fehlt der Glaube. Bei Tschernobyl spricht die WHO von 50000 Toten.

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  2. Christoph Lemmer sagte:

    Stimmt nicht. Vor drei Jahren gab es eine WHO-Studie, die einschließlich aller möglicherweise als Tschernobyl-Folge ausbrechenden Krebs-Krankheiten eine künftige Opferzahl von 93.000 vorhersagen. Eine solche Zahl ist freilich sehr weich und taugt eigentlich nur zum glauben oder Stimmung machen.

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  3. Petra Küntzer sagte:

    na 93000 sind ja noch mehr als 50000. Ich würde ja das Argument: Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose – gut verstehen. Aber so einen Super-Gau runterzuspielen, finde ich schon sehr gewagt.

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  4. Christoph Lemmer sagte:

    Ja, 93.000 sind mehr als 50.000. Aber sie sind nicht tot. Das WHO vermutet, sie könnten als Spätfolge irgendwann sterben. Das ist nicht runterspielen, sondern angemessen. Sie vorsorglich jetzt schon für tot zu erklären nenne ich dagegen hochspielen.

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  5. Janina Sgodda sagte:

    @andrea: ich hoffe sehr, dass das nicht dein ernst ist. @christoph: Jeder Befürworter nutzt Beispiele für seine Argumentation, was solll da dieser Vorwurf? Finde es durchaus berechtigt, Naturkatastrophen nicht auch weiterhin das Sahnehäubchen der verstrahlung aufsetzen zu wollen und das an diesem Beispiel festzumachen. Tu doch nicht so, als sei das gerade in Japan für die Bevölkerung überhaupt kein Thema.

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  6. Andrea Husak sagte:

    Janina, natürlich ist das mein Ernst! So wird das Thema aktiviert. Die Betonung liegt auf dem Zeitpunkt der Wahlen nicht auf der Tatsache, dass ein Unglück passiert ist. Bitte nicht verwechseln.

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  7. Benni sagte:

    Atomkraft hin oder her. Ich finde es niederträchtig darüber überhaupt jetzt zu reden.
    Wenn es etwas zu reden gibt, dann wohl, wie wir in Japan helfen können und dass alles in Japan wieder gut wird.

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  8. Fabian von Wachsmann sagte:

    Mensch Christoph – Was willst du uns eigentlich mit deinen Kommentaren sagen. Das Alles nicht so schlimm ist? Das es auch in Tschernobyl nicht so schlimm gewesen sei? Das Atomkraft sicher ist? das wir einfach immer so weiter machen sollen? Irgendwann müssen wir doch mal die Augen aufmachen, schlimm genug, dass es dafür immer erst krachen muß!

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  9. Christoph Lemmer sagte:

    @Janina, unsere Portale haben nur ein Thema: Atom. Mit der Dimension dessen, was in Japan passiert ist, hat das nichts zu tun, sondern allein mit der Selbstbezogenheit unserer Anti-AKW-Lobby. Geh davon aus, dass komplett zerstörte Städte dort wichtiger genommen werden. Bei uns tauchen sie nur deshalb nicht mehr auf, weil sie atomfrei zerstört wurden. Und das finde ich zynisch. Motto: Wer nicht politisch nützlich stirbt, kann uns mal.

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  10. Janina Sgodda sagte:

    Mit “unsere Portale” kann ich nichts anfangen, und mir zu unterstellen, ich verstünde die Wertigkeit hier nicht, ist an den Haaren herbeigezogen und gemein. Warum steht auf bitterlemmer ein pro-Atom Blog (als contra-contra-Atom Blog), statt ein Lagebericht (oder zumindest eine vernünftige Einschätzung der Berichterstattung)? Find ich gerade im rahmen deiner argumentation jetzt noch unnötiger. Aber ein schöner Aufreger allemal <3

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  11. Christoph Lemmer sagte:

    Ditt gloob ick jetzt nicht… Für Lagebeurteilungen und nachrichtliche Stücke empfehle ich Nachrichtenportale von Spiegel über Welt bis CNN oder sonstwie. Ich werde keinem von denen Konkurrenz machen und eigene Lageberichte produzieren – schlicht deshalb, weil ich dazu gar nicht in der Lage bin. Und meine Einordnung spitze ich gern noch einmal zu: Die Katastrophe in Japan ist hauptsächlich nicht die Atomkatastrophe, auch, wenn Spiegel, Welt und alle anderen deutschen Portale das heute so aussehen lassen. Nebenbei: Tschernobyl wird hier von allem immer als beispielhaftes Ereignis genannt, aber eben das ist es nicht. Es ist bisher einmalig und könnte sich heute zum ersten Mal überhaupt wiederholen. Was heißt das für die Bilanz der Atomkraft? Für meinen Geschmack, dass sie weit sicherer ist als vieles andere.

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  12. Janina Sgodda sagte:

    Du hast das Thema gefressen, gib nicht denen die schuld, die es dir zum fraß vorwarfen. Die vergl mit tschernobyl find ich weitestgehend sachlich gezogen. Akws sind ein thema, und dass trotz der von vielen empfundenen Angst noch so viele stehen, lässt mich an der anti-AKW-Lobby zweifeln. Die Japan. Regierung findet, es sei eine katastrophe, dir lass ich aber gern einen “Atom ist ok” Button pressen.

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  13. Christoph Lemmer sagte:

    Natürlich ist es eine Katastrophe (findet nicht nur die japanische Regierung – warum der Hinweis?). Darum bin ich so fassungslos, dass sie hierzulande so übel für die eigenen politischen Zwecke missbraucht wird. Und wie soll man das sonst sehen, wenn kein Wort mehr darüber zu lesen ist, wie dieses Land insgesamt verwüstet worden ist? Aber das ist jetzt alles schon mal gesagt. Wer mag, mag es zur Kenntnis nehmen, wer nicht, halt nicht.

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  14. Fabian von Wachsmann sagte:

    Die Kirche im Dorf scheint mir erstmal radioaktiv verseucht zu sein. Der Verstand im Oberstübchen sagt mir dass eine Kernschmelze laut Betreibern nur theoretisch möglich ist, in der Praxis jetzt aber, wenn es denn dann so ist, nun schon zum zweiten Mal eingetroffen ist. Deine Opferzahlschiebereien aus Tschernobyl finde ich fast unerträglich. Das könnten wir ja mal den Betroffenen erzählen, dass sie die Kirche im Dorf lassen sollen. Übrigens werden sie das auch tun müssen – für die nächsten 1000 Jahre!

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  15. Christoph Lemmer sagte:

    Ehrlich Fabian, ich kann dir nicht folgen. Willst Du Leute für tot erklären, die es nicht sind? Wollen wir im Sinne der Bestätigung für maximale Gefährlichkeit womöglich hoffen, sie mögen schnellstens das zeitliche segnen? Ich habe nur auf die falsch wiedergegebene WHO-Statistik reagiert. Unerträglich finde ich meinerseits, dass der Zweck offenbar über der Erkenntnis zu stehen hat. Es darf wohl nichts anderes herauskommen als das Atomkraft irgendwie immer eine Art Weltuntergang zu sein hat. Wer da linientreu ist, muss dann offenbar keine Tatsachen mehr zu Kenntnis nehmen.

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  16. Fabian von Wachsmann sagte:

    Ohne Worte, die führen bestimmt alle ein tolles Leben bis sie dann an den Folgen sterben. Hier geht es nicht um abstrakte Zahlen, da stehen Menschen dahinter. Und wenn es nur 20.000 Opfer gewesen wären. Lass uns hoffen und beten dass es in Japan nicht so viele Opfer und Leidende gibt. Trotzdem hatte man den Menschen dort (so wie auch uns) gesagt, so etwas kann nicht passieren nur alle Millionen Jahre, und jetzt ist es trotzdem wieder passiert und Niemand hat darüber noch Kontrolle. Was sagen wir denn jetzt? Hier kann das aber wirklich nicht passieren?

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  17. Christoph Lemmer sagte:

    Mir wird’s echt zu blöd. Was wirfst Du mir eigentlich vor? Dass ich Tschernobyl-Opfer nicht ernst nehme? Möglicherweise habe ich anders als Du einige Male Kinder aus Tschernobyl tageweise bespaßt, was in Wahrheit überhaupt nicht spaßig war.Ich lasse mir doch nicht einreden, ich könnte eine Zahl nicht von einem Menschen unterscheiden. Aber diese erkenntnisfreie Jammerei ist einfach nur vorzivilisatorisch. Ich fahre auch noch Auto und steige in Flugzeuge, obwohl es auch da manchmal (weit häufiger und in Summe mit viel mehr Opfern als bei der Atomkraft) scheppert. Glaubst Du vielleicht, Dein Selbstmitleid hilft irgendjemandem? Soll ich Dir vielleicht ein Tschernobyl-Kind zum Trösten vorbeischicken? Kann ja wohl nicht mehr wahr sein…

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  18. Christoph Lemmer sagte:

    Ja klar. Ich wollte damit auch nur sagen, dass die Forderung nach hundertprozentiger Sicherheit komplett sinnlos ist. Es gibt nirgendwo absolute Sicherheit, sondern nur Wahrscheinlichkeiten.

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  19. Christoph Lemmer sagte:

    Nein, nie. Zufall macht mich misstrauisch. Wir bewerten aber die Atom-Unfallbilanz offenbar ganz unterschiedlich. Es gab diesen Super-Gau bisher ein oder zwei Mal (das weiß man ja noch nicht genau), und das ist verglichen mit anderen Techniken nicht viel. Ich verstehe durchaus, dass Atomkraft unheimlicher ist, weil sie länger wirkt und so tückisch unsichtbar daherkommt, aber andere Energiearten sind sicher bedeutend schädlicher, vor allem die fossilen (Klima, tote Bergleute, etc.). Und dann bin ich rational genug, um eine Abschätzung der Risiken für angemessen zu halten, weil sie dazu führen kann, möglichst die Technik stärker zu nutzen, die weniger riskant ist. Für die, die es trifft, bringt das nichts, das ist mir auch klar.

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  20. Fabian von Wachsmann sagte:

    Nur das Niemand die Risiken und die Wahrscheinlichkeiten einschätzen kann. Wenn ich mir überlege wieviele Opfer es in Tchernobyl gab, dann kann man doch nicht sagen, bis jetzt gab das ja erst ein zweimal. Und dazu sagt man uns das kann nicht passieren und das ist gelogen wie man jetzt wieder sieht.

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