In, sagen wir, Afghanistan passiert etwas, und im Radio berichtet dann jemand aus dem „ARD-Studio Südasien“. Das befindet sich in Indiens Hauptstadt Neu Delhi, 1120 Kilometer von Kabul entfernt. Oder im Südsudan wird wieder mal geschossen, und das „ARD-Studio Kairo“ (3991 Kilometer entfernt) berichtet.

Wer die Branche nicht kennt, mag sich das zwanglos so zusammenreimen, dass die Korrespondenten in ihren Büros irgendwie immer noch „näher dran“ sind und darum Infos mitbekommen, die sie dann nach Deutschland berichten. Ist aber in der Regel nicht so. Ist noch nicht einmal dann so, wenn in Brüssel etwas passiert, wie neulich, als Islamisten dort mehrere Bomben zündeten.

Tatsächlich ist diese Art von Korrespondentenberichtererstattung nur teurer Etikettenschwindel. Die ARD-Korrespondenten sind – nunmehr eingestandenermaßen – keine Reporter „vor Ort“. Sie stiefeln nicht mit einem Mikrofon dort herum, wo die Dinge passieren, sondern sie sind nur Zweitauswerter von Material, das andere herbeischaffen – bekennt der Brüsseler ARD-Korrespondent Sebastian Schöbel. Er schreibt:

„Ich war an keinem einzigen Anschlagsort, auch nicht an der U-Bahn-Station Maelbeek (obwohl die direkt um die Ecke vom Studio liegt). Ich habe das Studio in dieser Woche nur verlassen, um nach Hause zu fahren.“

Statements von Politikern übernahm (klaute?) er aus dem amerikanischen Portal Politico, bekennt der ARD-Mann. Die hätten in Brüssel „starke Kontakte in alle politische Ebenen“. Die ARD-Korrespondenten haben derartiges offenbar nicht.

Entlarvend auch Schöbels Bemerkung, die Politico-Beiträge seien „multilingual“ –

„gut, um Zitate aus dem Französischen, Niederländischen und vielen anderen Sprachen übersetzt zu bekommen“.

Wie bitte? Die riesengroße ARD klaut von einem privatwirtschaftlichen US-Newsportal, weil sie selber keine eigenen Informanten und nicht einmal Sprachkenntnisse der Länder mitbringt, in die sie Korrespondenten entsendet?

Und so geht es munter weiter mit der Selbstoffenbarung des ARD-Korrespondenten Schöbel.

Die wichtigste seiner Quellen: Twitter, aber bitte nicht den „kuratierten Stream“, denn der „lag hinter der eigentlichen Nachrichtenlage zurück“.

Dann die Liveticker „aller großen belgischen Medien“. Der öffentlich-rechtliche ARD-Bruder RTBF „stellte sich als zuverlässigster und glaubwürdigster Informationslieferant heraus“. Woher will er das wissen, der Korrespondent Schöbel, wenn er doch selber keine einzige Primärquelle (Augenschein eingeschlossen) anzapfte?

Noch einmal zu Politico: „Gelegentlich etwas hysterisch und überdreht, auch gern benutztes Sprachrohr für Politiker, aber stets gut informiert.“ Kann aber in punkto Arroganz offenbar noch eine Menge bei seinen deutschen Kollegen lernen.

Die Nachrichtenagenuren: „In der Regel […] absolut zuverlässig. Bei den Opferzahlen z.B. lagen sie allerdings teilweise recht weit auseinander, v.a. in den ersten Stunden nach den Anschlägen.“ Hier weiß ja sogar ich fern von Brüssel mehr: Das lag einfach daran, dass die belgischen Behörden widersprüchliche Zahlen kommunizierten. Liest der ARD-Kollege keine Texte auf privaten Portalen wie spiegel.de, welt.de, faz.de oder zeit.de? Da hätte er derartige Infos gefunden.

Fernsehen: „BBC, Sky und Co. Waren ebenfalls ganz gute Quellen, v.a. auf Twitter mit Videos (deutlich mehr als deutsche Medien).“ Sprich: Deutlich mehr als das eigene Haus. Man ahnt, warum das so ist.

Dann folgt das Fazit, und das rundet den fatalen Eindruck. Schöbel schreibt:

„Es ist wohl einfach das Schicksal von Auslandskorrespondenten, in Krisensituationen vor allem von der Arbeit anderer Medien abhängig zu sein.“

Mal gut, dass man das nur bei der ARD so sieht. Würden die „anderen Medien“ genauso arbeiten, dann gäbe es schließlich nirgendwo Stoff zum Klauen. Ja, klauen. Schöbel, der ja keinen Schritt vor seine Bürotür setzte, gibt es offen zu:

„Auch O-Töne von Opfern bzw. Betroffenen (oder Menschen, die z.B. Blumen niederlegen) gab es genug.“

Unverfrorener geht es kaum. Und wenn er sich dann daran macht, zu überlegen, was man verbessern könnte, fallen dem Korrespondenten Schöbel nur ein paar Dinge zur Büroorganisation ein. Pools bilden, Schichten anders organisieren, und dann „brauchen wir in Zukunft ein Tool, um uns möglichst effizient auszutauschen“.

Ich denke eher, die ARD braucht kein einziges ihrer Auslandsstudios, wenn der Job dort ebensogut daheim erledigt werden kann.

 

4 Kommentare
  1. Sebastian Schöbel sagte:

    Lieber Kollege,
    schade, dass Sie meinen ehrlichen Erfahrungsbericht als Anlass für Kollegenschelte benutzen.
    Zudem scheinen Sie ein etwas praxisfernes Verständnis meines Jobs zu haben. Ich würde mich an Ihrer Stelle mal bei dem Kollegen in Brüssel informieren, wo die z.T. die Woche der Anschläge verbracht haben.
    Den Vorwurf, etwas „geklaut“ zu haben, weise ich zurück: Ich habe Informationen aus anderen Medien stets kenntlich gemacht. Da Sie sich für journalistisch integer zu halten scheinen, rate ich Ihnen, das nä. Mal meine Arbeit auch entsprechend auszuwerten statt nur meinen Bericht ÜBER meine Arbeit zu kommentieren.
    Abschließend noch dies: Mein Bericht bezog sich auf den Ausnahmezustand der Anschläge. Unsere Arbeit in Brüssel sieht in friedlicheren Zeiten anders aus: Wir sind mitnichten digitale Schreibtischtäter, das können Sie mir glauben.
    Aber müssen Sie nicht, versteht sich.
    MfG
    Sebastian Schöbel

    Antworten
    • bitterlemmer sagte:

      Lieber Kollege Schöbel,

      natürlich habe ich Ihren eigenen Text hergenommen und eingeordnet, das wird ja auch sehr deutlich. Hinweisen möchte ich Sie darauf, dass das Fazit Ihres Textes und und das Fazit Ihres Kommentars sich widersprechen. Hier, im Kommentar, meinen Sie, es sei ja nur um den „Ausnahmezustand“ gegangen. Im Fazit Ihres Textes beklagen Sie dagegen vor allem ein paar organisatorische Dinge wie fehlende „Tools“ zur Kommunikation mit den Funkhäusern und erklären das Abkupfern im Krisenfall irgendwie schicksalhaft. Meine bei Twitter mehrmals geäußerte Frage, wie denn wohl all die Aussagen, Infos und Bilder nach so einem Vorfall erstmal im Netz landen, bevor Sie als ARD-Korrespondent sie als einzige (!) Quelle Ihrer Berichterstattung nehmen, haben Sie wohlweislich nicht beantwortet.

      Wenn Sie möchten, dass ich mich mal Ihren zahlreichen Radiobeiträgen dieses Tages widme – gern, schicken Sie mir doch welche. Am besten auch solche, in denen Sie Politiker zitieren und in denen zu hören ist, wie Sie Politico als Quelle für übersetzte Statements nennen.

      Freundliche Grüße
      Christoph Lemmer

      PS. Kupfern oder klauen – ist dasselbe

      Antworten
  2. Sebastian Schöbel sagte:

    Ich denke, ich bleibe bei meinem Standpunkt. Es liegt nicht an mir, Ihnen nach Ihrer Kritik Beweise zu liefern, sondern an Ihnen, diese in Ihrer Kritik zu erbringen. Und Ihre Interpretation davon, auf welche Situation ich meine Darstellung beschränke, schreibe ich mal eher Ihrer generellen Ablehnung meines Arbeitgebers zu. Die kann ich Ihnen nicht nehmen.
    Ihre Behauptung, das Internet sei meine „einzige“ Quelle belegt zudem meine Vermutung, dass Sie kein sehr aufmerksamer Leser sind.
    Wie die Zitate dort landen, haben Sie mich gefragt. Hier die Antwort: Durch Journalisten, die sie v.a. weiterverbreiten, nach Berichten anderer Journalisten. Dieses Modell ist u.a. die Grundlage der Agenturen, aber auch das erklärte Ziel fast aller Medien. Multiplikator zu sein gehört zu diesem Job. Genauso wie das Filtern.

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    • bitterlemmer sagte:

      Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mir eine abermalige Erwiderung zu verkneifen, aber irgendwie…

      …also:

      1. Sie werden pauschal und persönlich („…generellen Ablehnung meines Arbeitgebers…“, „…Sie kein sehr aufmerksamer Leser sind…“). Mit anderen Worten: Sie weichen aus.

      2. Sie können gar nicht so dumm sein, dass Sie meine Frage nach dem Ursprung jeglicher Informtion nicht kapieren. Was passiert denn vor dem „Filtern“ und „Multiplizieren“? Was und wessen Stoff „filtern“ und „multiplizieren“ Sie denn? Tatsächlich nur den, den andere Journalisten – wie Sie – aus dem Netz saugen und weiterverbreiten? Wow, das wäre das Perpetuum Mobile der Recherche. Kurz gesagt: sie wollen halt nicht antworten.

      3. „Dieses Modell ist u.a. die Grundlage der Agenturen“. Ich denke mal, dass Sie diesen Satz selber nicht verstehen. Zufällig schreibe ich gerade für eine Agentur und habe derartiges noch nie gehört.

      Damit schönes WE

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