Diese Geschichte ist ein bisschen heikel. Sie ist mir so ähnlich auch schon einmal passiert. Ich habe sie nicht so ernst genommen, weil der Mensch, mit dem mir sie passierte, entsetzlich dumm ist. Zuerst sagte er – türkische Herkunft – mir, er sei in Berlin geboren und ich könnte ihn nicht von hier vertreiben. Ich war über diese Bemerkung baff, denn sie kam aus heiterem Himmel. Ich fragte ihn, wie er darauf komme, worauf er sagte, wenn hier einer zu verschwinden habe, dann sei das ich, wobei er drohend die Faust schwang.

Und jetzt also Paul. Paul ist ein Student, der vor zwei Jahren von Hoyerswerda nach Berlin zog. Eigentlich kenne ich Paul gar nicht. Ich habe ihn zufällig in einer Bar an der Oranienstraße getroffen, wo ich noch ein Absacker-Bier trank. Paul fiel mit zwei Freunden ein, kam ziemlich direkt auf mich zu und erklärte mir, er habe gerade aufgehört zu rauchen. Der Spruch sollte wohl heißen, dass er keine Zigaretten bei sich habe, denn gleich darauf fragte er mich, ob ich eine für ihn hätte. Hatte ich aber nicht. Dann fragte er mich, ob ich etwas zur Seite des Tresens rücken könnte, damit seine Freunde da auch noch Platz finden. Tat ich.

Als die Biere bestellt waren, stießen wir an, und Paul kam ins Plaudern. Von Hoyerswerda: Die Stadt sei ihm ein bisschen peinlich, ich hätte doch sicher schon von Hoyerswerda gehört (hatte ich), aber in Berlin gefalle es ihm. Seit zwei Jahren sei er hier, studiere Maschinenbau an der Berliner TU. Auch seine Eltern seien nicht mehr da. Die Mutter lebe in Hessen, der Vater in Rosenheim, worauf ich lachen musste, weil ich neuerdings ja selber häufiger in Rosenheim bin, was ich ihm auch sagte und worauf er wortreich erklärte, wie schön er Rosenheim finde.

Vor allem beeindrucke ihn die Freundlichkeit der Leute, sagte Paul. Die hätten ihm sogar einfach auf der Straße Grüß Gott gewünscht, ohne jeden Grund, einfach nur, weil er an ihnen vorbeigelaufen sei. Das habe er vorher noch nie erlebt und sich erstmal dran gewöhnen müssen. Oder die Verkäuferinnen in der Bäckerei, die ihn immer anlächelten, wenn er etwas kaufte. Und dann fragte er mich, was ich von den Türken halte. Ich wusste nicht so richtig, warum er das fragte, aber wenig später war es mir klar.

Vor ein paar Tagen sei er mit seinen Freunden auf der Straße in Kreuzberg unterwegs gewesen, da habe ihn eine türkische Frau angesprochen und um eine Zigarette gebeten. Er habe ihr eine gegeben. Sie seien ins Gespräch gekommen. Die Frau habe sich erkundigt, ob er von hier stamme oder zugezogen sei. Er habe gesagt, er sei Student und lebe seit zwei Jahren hier. Darauf, sagte Paul, sei die Frau richtig böse geworden. Habe von Genozid gesprochen. Ich fragte nach: Genozid? Völkermord? Wie meinte sie das? Ja, bestätigte Paul, Genozid habe sie gesagt. Mehrmals. Das habe ihn auch gewundert. Die Frau habe gesagt, sie sei Opfer des Genozids, und er sei Täter, weil er nach Kreuzberg ziehe und Leuten wie ihr den Platz wegnehme. Er solle sich verpissen, habe sie gesagt und sei richtig laut und aggressiv geworden. Und seitdem habe er ein komisches Gefühl. Ob ich ihm sagen könne, was man davon halten müsse?

Ich sagte, er solle es nicht ernst nehmen. Der Ton in Berlin sei halt ein bisschen rau, vor allem, wenn Dummköpfe den Mund aufmachen, und dass Hunde, die bellen, selten beißen.

Dann habe ich mich allerdings gefragt, woher die offensichtlich  strohdumme Frau das Wort Genozid kennen könnte. Und da fiel mir ein, dass es nach der Rede des türkischen Regierungschefs 2008 in Köln gelegentlich fiel, in der er davon sprach, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Hat dieser Ausspruch vielleicht die Runde gemacht?  Ralph Giordano nannte Erdogan für diese Rede einen Brandstifter. Schönes Bild. Würde den Ausbruch der dummen Frau gut erklären. Stroh brennt bekanntlich gut.

3 Kommentare
  1. Heiko Schoenborn sagte:

    When you hear hoofbeats, think of horses not zebras. Kennst Du ein Wort, das in letzter Zeit in Kreuzberg häufiger benutzt wurde als „Gentrifizierung“?! Und von da ist es nicht mehr weit bis zum Genozid. Scheiß Fremdwörter…

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  1. […] Reich, auf den er sich explizit bezog. 1944 übertrug er den Ausdruck ins Englische als genocide.Das Wort Genozid bedeutet Völkermord. Aus allen Teilen Europas rollten bis Ende 1944 Züge mit Jude…Volk und zabóstwjo, Mord) und wurde 1943 von dem polnischen Anwalt Raphael Lemkin (1900–1959) […]

  2. […] This post was mentioned on Twitter by bitterlemmer. bitterlemmer said: Wie Paul mir erzählte, er solle aus Kreuzberg verschwinden http://t.co/TPpUIQX […]

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