Einen Augenblick lang sah es so aus, als würde die geplante Lesereise von Thilo Sarrazin nicht wie geplant stattfinden können. Das Literaturfestival im steuerfinanzierten Berliner Haus der Kulturen der Welt (so heißt heute die frühere Kongresshalle) lud ihn aus, weil seine „polemischen Thesen“ völlig konträr „zur Grundhaltung des Hauses“ stünden. Ähnlich zensurierend verhielten sich das Potsdamer Waschhaus und etliche Buchhändler. Der Effekt ist freilich anders, als von den literarischen Türstehern erhofft. Ob München, Berlin, Hildesheim oder sonstwo: Die Tour startet trotzdem. Nur sind die Säle bedeutend größer als die abgesagten. „Der Ansturm ist unglaublich“, sagte die Sprecherin des Münchner Literaturhauses, Marion Bösker. Auch die Drohungen linker Aktivisten verhallen ohne Wirkung. Sarrazin hat scheinbar eine revolutionäre Lust beim Normalbürger geweckt, Denkverboten offenen Ungehorsam entgegenzusetzen.

Sarrazin gilt offenbar als derart große Gefahr, dass sogar Bundespräsident Christian Wulff sich gezwungen sah, dessen Verdacht zu entkräften, sein Rausschmiss aus der Bundesbank könne als Schauprozess inszeniert werden. Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker versicherte der BamS: „Das Verfahren wird selbstverständlich und ausschließlich nach Recht uns Gesetz durchgeführt“. Man fragt sich, warum Wulff eine so banale Selbstverständlichkeit verkünden lässt. Womöglich, weil sie eben so selbstverständlich doch nicht ist? Nebenbei: Wulffs Präsidialamt wird kommendes Jahr wohl ein um fünf Prozent erhöhtes Budget erhalten und die Kosten für PR und Pressearbeit glatt verdoppeln, meldet der Focus.

Den Vogel schießt allerdings die Kanzlerin im großen BamS-Interview ab. „Ich kenne die Probleme bei der Integration“, sagt sie da trotzig und verweist auf den nächsten „Integrationsgipfel im November“. Dann räumt sie ein, dass Migrantenkinder „bis heute im Schnitt schlechtere Schulergebnisse haben“, seltener ein Gymnasium besuchen oder häufiger ohne Schulabschluss bleiben und meint: „In den letzten Jahren hat sich durch unsere Maßnahmen zwar vieles verbessert, aber wir können natürlich mit diesem Zustand noch nicht zufrieden sein.“ Als eine solche „Maßnahme“ (was für ein dämliches Bürokratenwort!) benennt sie dies: „So müssen junge Frauen in der Türkei, die zu ihrem Ehemann in Deutschland nachziehen wollen, vorher Grund-Sprachkenntnisse erwerben“. Soll das ein Witz sein? Tatsächlich beschreibt sie hier doch eher ein Symptom für die Integrations-Verweigerung eines Teils der Zuwanderer, der jetzt offensichtlich und berechtigt Widerspruch auslöst.

Und dann diese Forderungs-Rhetorik. Diese salbadernden Sätze, denen natürlich jeder zustimmt, weil sie so banal sind: „Jedes Kind – ob deutsch oder türkisch – hat seine Chance verdient“. Ja, gewiss doch. Nur: Wer bestreitet das denn? Warum sagt sie solche Sätze?

Die Reporter fragen Sie dann, was mit Einwanderern zu tun sei, die die vielen Angebote des Staates stur verweigern. Merkels Antwort: „Strenge ist wichtig. Und dazu gehört, dass wir die Probleme beim Namen nennen.“

Stimmt. Aber ohne Sarrazin hätte sie das nie gesagt. Sarrazin hat sich hier als sehr hilfreich erwiesen.

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