Jetzt, wo Bundespräsident Christian Wulff es gesagt hat, fällt es mir tatsächlich auf: Wir sind offenbar wieder ein sehr religiöses Land. Wer will, mag das Video oben als Indiz sehen. Ich bezweifle trotzdem, dass der Islam in derselben Weise zu Deutschland gehört wie das Christentum, weil auch ein so, nunja, ungewöhnlicher Prediger vermutlich nicht so mit Spott überzogen worden wäre, wenn er nicht für den Christengott, sondern für Allah geworben hätte (das Getöse der Leute, die hinter mir standen und darum nicht zu sehen sind, ist ja unüberhörbar). Man sieht auch sehr deutlich, dass die Botschaft des Predigers sehr einfach ist, was wiederum zu Christian Wulff passt. Auch Wulffs Botschaft, so wie er sie am 3. Oktober in Berlin und dann in Ankara verbreitete, ist einfach. Deutschland: Christ, Jude, Muslim. Türkei: Auch Christ. Ach ja?

Ein Mann namens Özdemir (nicht Cem, ein anderer), mit dem ich eine Weile zusammen gearbeitet habe, hätte dazu vermutlich etwas beizutragen. Er ist, darauf legt er wert, kein Türke, sondern Aramäer. Nicht Armenier, sondern Aramäer. Hör man selten von, obwohl, darauf ist Özdemir stolz, die Aramäer dasselbe Volk sind, dem auch Jesus angehörte. Man hört deshalb so selten von Aramäern, weil es fast keine mehr gibt. Sie wurden bei demselben Völkermord ausgerottet, dem auch die meisten Armenier zum Opfer fielen, was die Türkei ja bis heute beleidigt zurückweist, aber eine Erklärung dafür ist, warum es heute praktisch keine Christen mehr in der Türkei gibt. Und Özdemir heißt so, weil seine Familie, nachdem sie überlebte, zwangstürkisiert wurde und ihren Namen ändern musste. Es handelt sich also um die brutalstmögliche Form der Assimilation als Preis für das nackte Überleben, von der der türkische Regierungschef Erdogan ja sagt, sie sei eine Menschenrechtsverletzung.

Vor diesem Hintergrund wirkt Wulffs Rede in Ankara nicht nur fad, sondern auch bös. Vor allem böse oberflächlich. Das Thema ist viel zu ernst und zu vielschichtig, um es für billige populistische Effekte zu missbrauchen. Die Aufklärung kommt in seiner Schönwetterrethorik gar nicht vor. Dabei hat die Aufklärung einen wesentlichen Teil zur Zivilisierung beigetragen. Etwa, einen Unterschied zwischen Religiosität und Frömmelei zu sehen. Dass Frömmelnde plötzlich diskursmächtig werden, ist ein Rückschritt. Da ist mir der frömmelnde Straßenprediger in der Nürnberger Altstadt allemal lieber. Denn der ist wenigstens harmlos.

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