Sie sind Zeugen, noch. Aber der eine oder andere könnte vielleicht noch zum Angeklagten werden, als Helfer der NSU-Terroristen, oder vielleicht auch nur deshalb, weil er als Zeuge vor Gericht nicht die Wahrheit sagt. Vielleicht ist Frank L. ein Kandidat für einen solchen Rollentausch. Nicht nur die Anwälte der Nebenkläger halten das für möglich, sondern auch die Bundesanwaltschaft. “Da liegt eine Straftat in der Luft”, kommentierte ihr Sitzungsvertreter Jochen Weingarten im Gerichtssaal das Aussageverhalten von Frank L. Er meinte damit den Verdacht, L. könne über seine Rolle bei der Beschaffung einer NSU-Tatwaffe und über seine Verbindungen in die Szene geflunkert haben.

Weingartens Einschätzung führte zu einer Premiere im Prozess. Zum ersten Mal zogen Nebenkläger und Bundesanwaltschaft an einem Strang. Bisher hat die Bundesanwaltschaft alle Anträge der Nebenkläger – also der Hinterbliebenen der NSU-Opfer – mit Gegenanträgen oder Stellungnahmen bekämpft. Als es um Frank L. ging, schloss sie sich einem Nebenkläger-Antrag an. Er lautete, die Vernehmung des Mannes solle wörtlich protokolliert werden, um ihm leichter falsche Aussagen nachweisen zu können. Der Senat lehnte den Antrag dennoch ab.

Das könnte ein Fehler gewesen sein. Denn Frank L. hat an einem Punkt offensichtlich die Unwahrheit gesagt, was aber wohl keinem der Beteiligten im Gerichtssaal auffiel. Mir fiel es auf, weil ich die entsprechenden Passagen wörtlich mitgeschrieben hatte. Es ging um die Frage, ob Frank L. je eine Waffe in seinem Laden verkaufte, den er von 1995 bis 2009 in Jena führte. Es war ein Szeneladen namens Madley, in dem es über dem Ladentisch Klamotten einschlägiger Marken wie Thor Steinar und unter dem Ladentisch indizierte oder verbotene Musik-CDs gab. Und dann wollte Richter Manfred Götzl wissen, ob eben auch Waffen verkauft wurden. Er hielt seinem Szenezeugen eine ältere Aussage aus einem Polizeiprotokoll vor, in der es heißt, es seien häufig Leute vorbeigekommen und hätten nach Waffen gefragt.

Dann ging’s so weiter:

Götzl: Was sagen Sie dazu?
Frank L.: Da ging’s meistens um Schreckschusswaffen.

Götzl: Mich würden die Fälle interessieren, die weniger vorkamen.
Frank L. (nach längerem Grübeln): Munition dazu.

Götzl: Lassen wir die Schreckschusswaffen mal beiseite. Mich interessieren nicht die Fälle, sondern die anderen.
Frank L. (nach längerem Grübeln): Das waren Armbrüste, sofern wir die hatten, und andere.

Entscheidend ist hier die Feststellung: “…sofern wir die hatten…”, denn damit sagt Frank L. unmissverständlich: Es gab Armbrüste in seinem Laden. Offenbar fiel ihm sogleich ein, dass diese Bemerkung gefährlich gewesen sein könnte. Denn das Verhör geht dann so weiter:

Götzl: Wie ist das abgelaufen?
Frank L.: Gar nicht. Haben wir gesagt, führen wir nicht. Haben wir nicht im Programm. Gefragt haben sie, aber…

Dabei blieb er dann auch, als er später von einem Nebenkläger-Anwalt noch einmal nach Waffen gefragt wurde, und zwar ausdrücklich nach Armbrüsten. Die Frage hing damit zusammen, dass Uwe Böhnhardt eine Armbrust besaß. Die muss er irgendwo herbekommen haben. Hier die wörtliche Passage aus der Befragung:

Anwalt: Haben Sie mal an Böhnhardt eine solche Waffe verkauft?
Frank L.: Nein. Ich habe noch nie eine Armbrust verkauft.

Dabei blieb’s dann – weil mangels wörtlicher Mitschriften niemand die Details der ersten Antwort von Frank L. nachvollziehen konnte. Und es fiel darum auch niemandem auf, dass Frank L. ungestützt von sich aus überhaupt auf Armbrüste kam. Danach hatte Götzl nämlich gar nicht gefragt.

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