Warum stießen vor einer Woche zwei Züge bei Bad Aibling zusammen? Das wüssten viele gerne. Behörden und Bahn AG (und vor allem ihre Tochter DB Netz AG) schweigen aber hartnäckig. Dabei sind die Ermittlungen offensichtlich längst so fortgeschritten, dass den Angehörigen der Opfer und den naheliegenderweise interessierten Bahnpassagieren erste Ergebnisse mitgeteilt werden könnten.

Die Ermittler und etliche Journalisten wissen teils bereits seit dem vergangenen Dienstag, dass es wohl mit einem Fehler bei der Fahrdienstleitung zusammenhängt. Ich habe das selber schon wenige Stunden nach dem Unglück bei Antenne Bayern berichtet. Am Abend haben dann unabhängig voneinander mehrere Kollegen offenbar unterschiedliche Quellen in Berlin und München aufgetan, die dasselbe sagen. Am weitesten kamen die Kollegen des Spiegel, die sogar herausfanden, dass der Aiblinger Fahrdienstleiter noch vergeblich versucht habe, die Lokführer per Funk vor dem Zusammenprall zu warnen – vergeblich, wie wir wissen. Inzwischen liegen auch die Daten zumindest zweier Blackboxes vor – mit dazu passenden Resultaten.

Nach außen, gegenüber der Öffentlichkeit, schweigen die Ermittler aber hartnäckig. Die Sprecher bemühen die Zauberformel von den “laufenden Ermittlungen”, wegen denen leider keinerlei Auskünfte erteilt werden könnten. “Laufende Ermittlung” gilt für die Gerichte als ausreichende Begründung, damit Behörden sich ausnahmsweise nicht an die in jedem Landespressegesetz vorgeschriebene Pflicht zur Beantwortung von Journalistenfragen halten müssen. Clevere Pressesprecher garnieren ihr Schweigen gern jovial mit der Bemerkung, der geneigte Journalist habe dafür ja sicher “Verständnis”, worauf sich Journalisten viel zu oft viel zu unclever einlassen.

In diesem Fall kommt zur Cleverness noch eine gewisse Chuzpe. So schmähte der Sprecher der Rosenheimer Polizei die Informationen zur Sache als “Gerüchte”. Genau das sind sie aber nicht. Es sind ziemlich gut abgesicherte Informationen, was besagter Polizeisprecher gewusst haben sollte.

Noch dreister ist freilich die Weigerung etwa der Deutschen Bahn, auch nur allgemeine Fragen zu den Stellwerken entlang der Strecke München-Holzkirchen-Rosenheim zu beantworten. So versuche ich veit vergangenem Mittwoch vergeblich, herauszufinden, warum manche Haltestellen zentral von München, andere – wie wohl auch Bad Aibling und Kolbermoor – von dezentralen Fahrdienstleitern geregelt werden. Nach fast einer Woche bekam ich zur Antwort, dass die DB sich dazu “aktuell” nicht äußere. Auf weitere Nachfrage: “Mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen”.

Das ist natürlich völlig inakzeptabel. Es wirft auch Fragen auf, die für die Bahn viel unangenehmer sein müssten als die, die sie sich zu beantworten weigert. Etwa: Trägt die Bahn oder ihre Tochter DB Netz AG durch organisatorische Mängel eine Mitschuld am Tod der bisher elf Menschen, die vergangenen Dienstag auf den Gleisen zwischen Aibling und Kolbermoor verunglückten? Und was würde ein solcher Befund für die Sicherheit auf allen einspurigen Strecken der DB Netz AG bedeuten, also fast die Hälfte des gesamten Schienennetzes in Deutschland?

Mir fällt nicht ein, wie meine Frage sonst mit den “laufen Ermittlungen” in Verbindung stehen könnte.

Nachtrag:

Die Staatsanwaltschaft will am Dienstag in Bad Aibling Ermittlungsergebnisse verkünden. Sehen wir es Ihnen nach, dass sie diese Ergebnisse wohl auch heute schon hätten verkünden können, denn sie werden bei der Einladung zur PK schon gewusst haben, was sie verkünden werden. Interessanter ist: Werden nach der Staatsanwalts-PK Bahn und DB Netz AG vielleicht auch gesprächiger?

3 Kommentare
  1. Timo sagte:

    Sicher ist jeder ungeduldig und möchte möglichst bald Klarheit im Fall haben. Jedoch das: “…etliche Journalisten wissen…, …dass es wohl; …offenbar unterschiedliche Quellen…”, zeugt auch nicht gerade von Transparenz. Warum legt man nicht, zumindest hier, die Quellen offen? Immerhin gibt es, neben diversen journalistischen Verlautbarungen, auch noch die vom ehemaligen DB-Ingenieur Karl-Dieter Bodack, der hinter dem Unglück “kriminelle Absicht” vermutet. Wenngleich auch hier die Nähe zur Deutschen Bahn nicht zu verleugnen ist, weiss ich gar nicht, warum diese mögliche Unglücksursache in den hiesigen Medien, fast flächendeckend, ausgeblendet wird? Sollte sich eine vorsätzliche Manipulation der Signal- u. Gleisanlagen von aussen herausstellen, möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie das Muffensausen der Herrschaften im Objekt “Hortensie”, unweit der Unglücksstelle, eine neue investigative Flut von Aufträgen auslösen würde.

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    • bitterlemmer sagte:

      Meine Antwort wird Sie vielleicht nur teilweise zufriedenstellen:

      Journalisten arbeiten immer dann mit einer verdeckten Quelle, wenn die Quelle befürchten müssten, für ihr Reden bestraft zu werden. Das war auch in diesem Fall so, weil ja die Leitungsebenen nichts “Offizielles” preisgeben wollten und die Untergebenen, die geredet haben, mit Disziplinar- oder sonstigen Strafen hätten rechnen müssen. Journalisten dürfen so etwas auch ausdrücklich. Dafür gibt es ein spezielles Zeugnisverweigerungsrecht. Ein Journalist muss nicht einmal als Zeuge vor Gericht sagen, woher er etwas weiß.

      Solche Informationen sind keine Vermutungen – anders als die Vermutung des ehemaligen DB-Ingenieurs, die Sie hier nennen. Seriöserweise bringt man Informationen aus verdeckten Quellen auch nur dann, wenn sie so konkret und belegt sind, dass sie möglichst stimmen. Viele Redaktionen haben die Regel, dass jede Information mindestens von einer weiteren Quelle bestätigt sein muss.

      Ungeduld mag vielen als Untugend erscheinen, aber hier geht es eher um etwas anderes: Die Behörden wussten schon mehrere Tage, was hier passiert war, während gleichzeitig viele Leute wirklich fragten, warum dieses Unglück passieren konnte. Ich habe keinen Grund gehört, der dagegen gesprochen hätte, den Schleier früher zu lüften – oder Gründe, die mir jedenfalls nicht einleuchten.

      Beispielsweise hätten Sie sich dann gar nicht erst ausmalen müssen, was wäre, wenn jemand diesen Unfall vorsätzlich herbeigeführt hätte. Wie wir ja jetzt auch offiziell wissen war es nicht so.

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  2. Timo sagte:

    Nachträglich tut sich ja da doch Einiges an Abgründen auf. Die Stuttgarter Nachrichten schreiben heute: “Interne Unterlagen der Bahn beweisen Sicherheitsmängel – Zwei Notrufe an die Lokführer haben die tödliche Kollision bei Bad Aibling nicht verhindert. Ein gefährliches Funkloch könnte die Ursache sein, wie ein internes Papier zeigt……Die Katastrophe in Bad Aibling hätte nach seiner Einschätzung ohne das Funkloch an der Strecke womöglich verhindert werden können…” Die Bahn streitet natürlich etwaige Funklöcher ab. Weiter heisst es. “…Die Ermittler wollen die Kollision noch in der Praxis nachstellen, um die Abläufe genau zu rekonstruieren…Das erscheint dringend nötig. Denn wenn durch ein funktionierendes Notrufsystem die Kollision hätte verhindert oder durch Abbremsen der Züge zumindest gemildert hätte werden können, trifft den Fahrdienstleiter nicht die alleinige Schuld. ”
    Und genau diese Simulationsfahrt hat die Staatsanwaltschaft jetzt abgeblasen. Im Merkur steht dazu: “Eine zunächst geplante Simulationsfahrt, die am Samstag stattfinden sollte, wurde abgesagt. Die Staatsanwaltschaft Traunstein, die die Umstände des Unglücks ermittelt, sieht keine Notwendigkeit, sie hat offenbar schon genügend gesicherte Erkenntnisse, die auf eine Hauptschuld des Fahrdienstleiters deuten…”
    Na prima! Haben Sie auch den Stein gehört, Herr Lemmer, welcher gerade aus der DB-Chefetage in den Mangfall geplumpst ist? Und irgendwie lässt mir die Bad Aiblinger Mangfallkaserne (Hortensie III), mit ihren ganzen Apparatschaften, nebst Stör- und Störschutztechnik, welche man als ausgefuchster Datenschnüffler natürlich ständig tipp-topp in Schuss haben muß, auch nicht in Ruhe. Wie ist das eigentlich so mit dem Handy/Radio- bzw. Funkempfang dort vor Ort, Herr Lemmer. Sie sitzen ja quasi direkt an der Quelle? Wäre das nicht eine Gelegenheit mal tiefer zu graben?

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