Opfer eines Justizirrtums? Helmut Marquardt (76)

Seit nunmehr acht Jahren sitzt Helmut Marquardt (75) für einen Mord im Gefängnis, den er vermutlich nicht begangen hat – was jetzt den Forensiker und Bestseller-Autor Mark Beneke auf den Plan ruft. In seinem neuen Buch “Aus der Dunkelkammer des Bösen” beschreibt Beneke den Fall detailliert. Sein Fazit: Marquardts eigene Aussagen über das Auffinden des Mordopfers seien zumindest eine Prüfung wert. Sie zeigten “einige Merkmale, die für eine wirklich selbst erlebte Geschichte sprechen”.

Diese Geschichte geht in wenigen Worten so: Am 20. März 2002 machte sich Marquardt mit seiner ausgelesenen Zeitung auf, um sie wie gewohnt seinem Nachbarn Herbert Scheibe zu bringen. Marquardts Haus befindet sich auf demselben Grundstück in Loderleben (Sachsen-Anhalt). Oben findet er Scheibe reglos auf dem Sofa. Er nähert sich, ist aufgeregt, schwitzt, berührt einen Finger Scheibes und ist sich dann sicher: Sein Nachbar ist tot. Er bemerkt noch mehr: Auf dem Wohnzimmerboden liegen Kothaufen. Die Schubladen eines Schranks sind herausgezogen und der Inhalt ausgekippt. Eine Geldkassette fehlt.

Mark Beneke

Als Marquardt wegen des Mordes an Scheibe vor Gericht steht, verschweigt er die Geschichte – auf Anraten seines Anwalts, der Zivilrechtler ist und von Strafrecht wenig Ahnung hat. Beneke beschreibt den Fall detailliert und bringt als erster Fachmann die psychologische Seite ins Spiel. Er fragt, ob Marquardt autoritätshörig genug sei, seinem Anwalt auch dann zu vertrauen, wenn dessen Rat ihn ins Verderben treibt. Offenbar war genau das der Fall. Der Anwalt hat sein fatales Vorgehen inzwischen eingeräumt, und vermutlich plagt ihn dafür das Gewissen. Beneke kritisiert, dass die Glaubwürdigkeit Marquardts nie psychologisch untersucht wurde.

Marquardts Geschichte wäre für das Verfahren entscheidend gewesen, denn sie erklärt, wie seine DNA auf einen Finger des toten Scheibe geriet, wo Rechtsmediziner sie fanden. Wobei Beneke auch anmerkt, dass der Fund der Erbsubstanz allein noch kein Beweis dafür ist, dass Marquardt der Täter war. Vielmehr habe sich der Prozess hingezogen. Es gab keine zwingenden Beweise. Irgendwann hatte der Richter genug und drängte auf ein Urteil.

Und das enthält gravierende Lücken, die in der schriftlichen Begründung sogar offen eingestanden werden – vor allem die, dass es nicht den geringsten Hinweis auf ein Motiv Marquardts gebe. Dennoch sind inzwischen alle Rechtsmittel, darunter zwei Wiederaufnahme-Versuche, gescheitert. Auch dafür hat Benecke eine Erklärung : “Der Fall ist aus Sicht der Gericht sauber abgeschlossen”. Eine arge Schlussfolgerung, aber plausibel. Sie würde bedeuten, dass die Justiz über Leichen geht, um keinen Fehler zugeben zu müssen.

5 Kommentare
  1. Ambrosius Mueller sagte:

    Vielen Dank, Herr Lemmer, daß Sie den Fall wieder aufgreifen und das Benecke-Buch erwähnen. Ich habe in den letzten Jahren viel dazugelernt, was die Justiz in unserem Land betrifft:
    $1) Juristen irren nicht.
    §2) Fall sie einmal doch irren, siehe §1.
    Anders ausgedrückt:
    §1) Rechtskraft eines Urteils zählt mehr als Wahrheit.
    §2) Sollte sich einmal herausstellen, daß ein rechtskräftiges den Falschen hinter Gitter gebracht hat, siehe §1.
    Folgen:
    Der unschuldig Verurteilte ist bis zu seinem Lebensende zum Knast verdammt, der wahre Mörder lacht sich ins Fäustchen und wartet darauf, bis er den nächsten Mord begeht. Es sei denn, er wird nervös, weil sich die öffentliche Berichterstattung gegen ihn wendet. Aber dann ist er ja um so gefährlicher.
    Das fatale ist ja, daß – wenn die Staatsanwaltschaft sich endlich einmal daran machen würde, Herrn Marquardt nicht als Beschuldigten, sondern als Zeugen zu vernehmen, sie eine Fülle von Details bekommen würde, die wenigstens Ermittlungsverfahren gegen bestimmte Personen rechtfertigen würde. Die Tatsache, daß sie es nicht tut, kann man nicht anders als als grobe Pflichtverletzung bezeichnen. Und wieder zählt nicht die materielle Wahrheit, sondern die formale Wahrheit: wir haben doch das Verbrechen von damals aufgeklärt, also kann es gar keine neuen Tatsachen geben.

    Auch die Personen, die Herrn Marquardt gut kennen, verlangen nicht, daß jeder andere ihre Überzeugung von der Unschuld von Herrn Marquardt teilt. Sie verlangen aber mit Recht, daß die Lücken und Fehler des alten Urteils endlich gesehen werden und deshalb Herr Marquardt in einer neuen Verhandlung eine neue Chance bekommt, seine Unschuld darzulegen und zu begründen.
    AM

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  2. Klaus Mustermann sagte:

    Ich kenne den Fall erst seit Kurzem aus bereits erwähnten Buch von Herrn
    Benecke. Sollte Herr Marquardt tatsächlich unschuldig zum Mörder
    verurteilt worden sein, wäre das ein Armutszeugnis für die Rechtssprechnung in Deutschland. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens sollte unter den genannten Voraussetzungen eine Selbstverständlichkeit sein.
    Was mich aber vom ersten Lesen an beschäftigt: Wem lassen sich die Kothaufen und der Urin (wurde in einer Flasche am Tatort gefunden) zu ordnen? Wurde das nicht untersucht? Oder wurden die Ergebnisse ignoriert? Eventuell vorsätzlich?

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  3. mindamino sagte:

    Richtig Juristen irren nicht und alles andere wäre eine schwere Beleidigung derselben.
    Jeder Rehalibitierte ist eine Beleidigung der Juristen und es darf keine beleidigte Leberwürste geben.
    Das
    es Unschuldige in Gefängnissen in Deutschland gibt ist nur eine
    Verschwörungstheorie (zB. juggernaut im Forum recht.de und der
    Forenbetreiber)
    Anschuldigungen gegen die Justiz sind albern. Justizopfer sind auch albern.
    Gemäss
    vieler Psychologen sind Justizopfer oder die Menschen, die Glauben dass
    es welche gibt geistig krank, denn das ist unmöglich, weil Juristen
    einen Amtseid geschworen haben, der das im Grunde physikalisch unmöglich
    macht.

    Justizministerin Brigitte Zypries (SPD): “Justizskandale gibt es nicht in Deutschland”

    Dr. Hans Liedel Hessisches Justizministerium: „Ich halte diese
    Anschuldigungen für albern. Unsere Richter sind unabhängig und an die
    Gesetze gebunden. Außerdem will ich erst einmal die vielen Fälle sehen,
    bei denen Fehlurteile ergangen sind.“

    Günter Oettinger (CDU) und Ulrich Goll (FDP) : “In der Justiz gibt es keine Missstände”

    Richter Dr. Jörg Eisberg AG-Minden: Unkorrektes und ungesetzliches
    Handeln bei den Staatsanwaltschaften gibt es nicht, weil diese zu
    korrektem Handeln verpflichtet sind.

    Peter Briesenbach CDU: “Die Justiz in NRW funktioniert” und handelt
    lobenswert gemäß Landesjustizministerin NRW Roswitha Müller-Piepenkötter
    CDU und auch ohne Ansehen der Person.

    http://blog.justizfreund.de/?page_id=74

    Zu
    jeder Zeit sind etwa 4000 Menschen in Deutschland unschuldig inhaftiert
    und etwa 100 Menschen sterben in deutschen Gefängnissen jedes Jahr
    eines unnatürlichen Todes.
    Bis zu 25% aller Strafentscheidungen sind falsch.

    http://blog.justizfreund.de/?cat=13

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  4. mindamino sagte:

    Glaubhaftigkeitsgutachten für Helmut Marquardt
    Rücktritt der Bayerischen Justizministerin und Aufnahme einer Untersuchung im Fall Mollath

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